Eine Woche ohne Bargeld: Mobile Payment im Selbstversuch

11 Minuten
Ein Handy mit Google-Pay-App wird im Café an ein Kartenterminal gehalten
Bildquelle: Paypal
Den Alltag in Deutschland ohne Bargeld bestreiten - geht das? Thorsten Neuhetzki und David Gillengerten haben eine Woche den Selbstversuch gewagt. Im Fokus: Mobile Payment. Doch ist man nicht schon froh, wenn man mit Karte zahlen kann? Diese Erfahrungen haben die inside handy Redakteure gemacht.

Thorsten Neuhetzki

Unser Erfahrungsbericht beginnt in Berlin. Hier lebe und arbeite ich für inside handy. Ich – das ist Thorsten Neuhetzki. Mein Ziel für diese Woche: Mein Bargeld möglichst nicht zu verwenden. Ich will alles – wenn möglich – mit dem Handy bezahlen. In Berlin sollte das doch kein Problem sein. Berlin, die Stadt der Hipster, der Start-Ups, der Smombies.

Doch ist Berlin auch die Stadt des Mobile Payments? Das wird nicht klappen – das weiß ich schon, als ich mich mit meinem Kollegen David zu diesem Experiment verabrede. Und so haben wir auch eine Vereinbarung: Einen 20-Euro-Schein habe ich in der Tasche. Denn eins möchte ich auf keinen Fall: Dass mein kleiner Sohn darunter leiden muss.

Supermarkt und Mobile Payment – das passt

So beginnt mein Experiment an einem Freitag. Ich gehe mir mittags eine Kleinigkeit im Supermarkt kaufen. Hier weiß ich: Mein Geldbeutel kann zu Hause bleiben. Rewe bietet mir gleich zwei Varianten mit dem Handy zu bezahlen. So kaufe ich für meine Familie frisches Obst über die Gemeinschaftskasse ein und zahle mit Payback Pay. Den QR-Code halte ich vor das Lesegerät. Der kleine Betrag wird anschließend vom Gemeinschaftskonto abgebucht. Mein eigenes Mittagessen zahle ich getrennt. Schwupps – das Handy ein zweites Mal gezückt und direkt an das Kartenterminal gehalten. Google Pay und Paypal machen es möglich, mein Mittagessen ist in weniger als drei Sekunden bezahlt. Prima, das klappt super.

Thorsten Neuhetzki
Thorsten Neuhetzki – Redakteur

Am Abend geht es mit der Familie und den Schwiegereltern zum Stamm-Griechen. Bis vor wenigen Wochen war hier nur die Girocard, auch EC-Karte genannt, akzeptiert. Immerhin muss man fast sagen. Doch er hat nachgerüstet. Auch Kreditkarten sind inzwischen akzeptiert – sogar kontaktlos. Fazit: Auch Apple Pay und Google Pay würden hier funktionierten. Doch ich muss mich nicht drum Kümmern, meine Partnerin übernimmt den Rechnungsbetrag.

Der Wochenend-Einkauf: Haste mal nen Euro?

Am Samstag steht der Wochenend-Einkauf im Kaufland an. Hier merke ich das erste Mal: Bargeld wäre doch ganz gut. Zumindest, wenn man einen Einkaufswagen haben möchte. Zwei Varianten stehen mir zur Auswahl: Entweder einen Einkaufswagen-Chip anschaffen oder die 20-Euro-Note nutzen. Ich entscheide mich für das Bargeld, immerhin muss ich es nicht ausgeben, sondern nur wechseln. Das mobile Bezahlen wiederum ist im Kaufland kein Problem – sogar Expresskassen zum Selber-Scannen gibt es. Kartenzahlung ist hier sogar Pflicht.

Ein Einkaufswagen mit Euro-Münze
Ohne Euro-Münze geht es nicht

Am Nachmittag steht Sport auf dem Programm. Mit dem Rad fahre ich von Berlin nach Rathenow, fahre mit dem Zug zurück. Dank einer Bahncard 100 muss ich mir keine Gedanken um mein Ticket machen. Doch was wäre wenn? Im DB Navigator bekomme ich zwar ein Ticket für mich, nicht aber für mein Rad. Immerhin: In Rathenow steht ein Automat, hier bekäme ich das Ticket für das Rad.

Brötchen vom Bäcker? Nur Bares ist Wahres

Am Wochenende muss ich dennoch das erste Mal mit Bargeld zahlen. Es ist einer dieser faulen Kompromisse in diesem Experiment. Unsere Frühstücksbrötchen kaufen wir bei einem Handwerksbäcker ein paar Straßen weiter. Kartenzahlung? Vermutlich in hundert Jahren noch nicht. Auf Aufbackbrötchen aus dem Supermarkt auszuweichen wäre eine Alternative – aber nicht für uns. Immerhin: Meine 20 Euro bleiben unangetastet. Das Bargeld kommt aus der Gemeinschaftskasse.

Und auch am Sonntag würde es ohne Bargeld aus der Gemeinschaftskasse nicht funktionieren. Weder die Parkeisenbahn in der Wuhlheide – eine Attraktion für Kinder – noch ein dortiger Imbiss sind im Zeitalter der digitalen Zahlung angekommen. Der Schokoriegel aus dem Automaten auf dem S-Bahnsteig bleibt mir ebenso verwehrt: cash only. Ich merke: Ohne meine Partnerin und das Gemeinschafts-Bargeld müsste ich einige Abstriche machen und mein Notgeld wäre wohl schon weg.

Ein Snack-Automat auf einem Berliner Bahnsteig
Ohne Bargeld keine Süßigkeiten: inside handy Redakteur Thorsten Neuhetzki scheitert beim Bezahlen mit dem HandyQuelle: privat

Reisen ohne Bargeld – das klappt in Deutschland

Die kommenden drei Tage werden also spannend, denn ich fahre in die Redaktion nach Brühl. Während ich meinen Sohn noch mit der Bahncard 100 in die Kita bringen kann, komme ich zum Flughafen nur mit einem Einzelfahrschein. Und aus Zeitgründen muss dieses Mal ausnahmsweise der Flieger her. Bargeldloses Zahlen im Bus? Der Busfahrer in der berühmten Berliner Art würde sagen: “Wovon träumste nachts, Junge?”. Da mir das klar ist, habe ich mir mein Ticket schon vorher am Automaten gekauft. Denn hier geht das Zahlen mit Karte und sogar mit dem Handy. Ja, auch das Ticket per App wäre möglich, macht aber die Reisekostenabrechnung im Anschluss um so schwerer.

Der Flug war bereits gebucht, Snacks im Flieger wären per Kreditkarte zahlbar (brauche ich aber nicht) und am Flughafen gehts direkt mit der Flatrate per Bahn nach Brühl. Freudige Überraschung am Hauptbahnhof in Köln: Die Automaten auf dem Bahnsteig akzeptieren kontaktlose Zahlung. Überraschend aber: Meine Zahlung mit Google Pay wird abgelehnt. Doch mit meiner Kreditkarte klappt es.

Selecta-Automaten im Bahnhof Köln
Selecta-Automaten im Bahnhof Köln: Kontaloses zahlen funktioniert, aber nicht mit Google Pay

Das Bezahlen eines gemeinsamen Abendessens mit einer Kollegin im Restaurant in Brühl ist mit Karte auch kein Problem – aber bitte nur Girocard. Somit ist Mobile Payment raus. Ich zahle für uns beide, ihren Anteil will sie mir erst als Bargeld geben. Das lehne ich wegen des Experimentes ab. Sie schickt mir ihren Anteil digital per Paypal-Überweisung.

Pommes mit Google Pay

Auch in Brühl hätte sich sicherlich die Bäcker-Frage gestellt, doch an diesem Tag hat der Chef zum Frühstück eingeladen. Somit entfiel die Diskussion beim Bäcker, warum ich nicht bargeldlos zahlen kann. Positive Überraschung: Beim Imbiss um die Ecke kann ich in Brühl sogar meine Pommes mit Google Pay zahlen.

Die Rückfahrt zu meinem Wohnort in Berlin erfolgte per ICE am Mittwoch in den frühen Morgenstunden. Aufgrund einer Verspätung des Zubringerzuges entfiel das geplante Frühstück am Kölner Hauptbahnhof – hier hätte ich vermutlich eher mit Karte zahlen können als in Brühl. Doch auch im ICE gibt es Frühstück – und das sogar per Kreditkarte. Wunderbar.

Am Donnerstag und Freitag habe ich dann aber doch noch zu meinem Not-Bargeld gegriffen. Abermals das Problemthema: Bäcker. Ich habe aufgrund eines ohnehin schon langen Weges, den ich jeden Morgen zur Kita und zurück fahren muss, aber einfach keine Lust, mir Gedanken zu machen, wo ich jetzt ohne Bargeld an Frühstück komme.

Fazit nach einer Woche: Es geht ohne Bargeld – mit Ausnahmen

Nach einer Woche mit dem Versuch, ohne Bargeld in der Großstadt Berlin zu leben und auch zu reisen, komme ich zu der Erkenntnis: Es geht. Aber man muss Abstriche machen.

Lebensmittel im Supermarkt, Fahrkarten für die U-Bahn und den ICE, das Abendessen im Restaurant – es ist zumeist kein Problem. Doch wer auf Brötchen vom Bäcker steht, spontane Ausflüge macht und etwas erleben will, der sollte Bargeld dabei haben. So weit wie in Schweden, wo ich regelmäßig sieben bis zehn Tage per Fahrrad unterwegs bin, ohne eine einzige Schwedische Krone dabei zu haben, sind wir in Deutschland lange noch nicht. Am Ende gilt im Zweifelsfall auch: Wer unbedingt bargeldlos zahlen will, muss die Händler darauf hinweisen und notfalls die Konsequenz ziehen, einen anderen Laden aufzusuchen. David, wie ist deine Woche verlaufen?

David Gillengerten

Während Kollege Neuhetzki als Auswanderer sein Heil in der Großstadt gesucht hat, lebe und arbeite ich in Satelliten-Örtchen rund um Köln. In der rheinischen Metropole ist Mobile Payment schon weit verbreitet. Ich bin jedoch unsicher, ob das Gleiche auch für meinen Wohnort Leverkusen gilt. Oder das bezaubernde, aber rheinisch-konservative Brühl, wo die Redaktion von inside handy beheimatet ist. Dennoch wage ich den Versuch: Eine Woche ohne Bargeld, dafür aber mit Handy und EC-Karte bewaffnet, zu leben.

David Gillengerten
David Gillengerten – Redakteur

Brühl: Das Dorf ist moderner als gedacht

Der Anfang des Experiments stellt direkt die erste Feuerprobe für Mobile Payment auf dem Dorf dar. In Brühl habe ich einen Friseur-Termin. Bargeld wäre meine erste Wahl gewesen, aber vielleicht akzeptieren sie auch Kartenzahlung. Ich lasse es darauf ankommen und nehme todesmutig kein Geld mit. Nach dem Haare schneiden frage ich, ob es auch möglich wäre, mit Karte zu zahlen. Der Friseur bejaht und reicht mir das Kartenterminal. Noch einmal Glück gehabt, mein reumütiger Gang zur nächsten Bank wurde damit abgewendet. Mobile Payment via Apple Pay oder Google Pay wäre aber nicht möglich gewesen.

Nach dem Friseur-Termin erledige ich im nahgelegenen Supermarkt noch ein paar Einkäufe. Dort ist es seit einigen Monaten problemlos möglich, kontaktlos zu bezahlen. In den ersten Tagen der neuen Bezahlart waren die Angestellten an der Kasse immer etwas verwirrt, wenn man das Handy an das Kassenterminal hielt. Mittlerweile ist Mobile Payment via Handy oder Smartwatch aber ein gewohntes Bild für das Personal – so auch an diesem Tag. Nachdem die Waren eingescannt wurden, reicht ein einfaches „Mit Karte, bitte“ und das Terminal wird freigeschaltet. Ich halte mein Handy an den Kartenleser und der Bezahlvorgang ist abgeschlossen. Das geht einfach und schnell. Das Ausdrucken des Belegs dauert beinah doppelt so lange.

Leverkusen: Bargeldlos ja, mobil nein

In meinem Wohnort bietet sich ein ähnliches Bild wie in Brühl. Supermarkt-Ketten wie Aldi oder Edeka haben kein Problem mit dem mobilen Bezahlen. Auch an Tankstellen wird das Smartphone als Zahlungsmethode akzeptiert. Selbst einige Lieferdienste für Essen ermöglichen es mittlerweile, an der Türe mit Karte zu bezahlen. Per Handy kann die Pizza oder der Burger hingegen nur geordert, aber nicht beglichen werden. Bezahlen via Apple Pay oder Google Pay in Apps stellt aktuell die Ausnahme dar. Viele Anbieter ermöglichen Kartenzahlung oder PayPal, mehr aber nicht. Erst vor Kurzem stoppte Zalando den Bezahlvorgang mit Apple Pay.

In Leverkusen wie auch in Köln lässt sich das bargeldlose Leben gut aushalten. Fast jedes Geschäft oder jeder Automat akzeptiert zumindest Kartenzahlung mit der Girokarte. Natürlich gibt es auch Ausnahmen: Einige Restaurants akzeptieren keine Karten. Sie sind aber in der Minderheit und weisen Besucher mit Aushängen an der Tür daraufhin. Auf Bargeld zu verzichten, stellt für mich in der kompletten Woche also kein wirkliches Problem dar.

Das Bäcker-Beispiel: Die letzten Bastionen des Bargelds

Aber ich weiß auch: Es gibt sie noch, die letzten Bastionen des Bargelds. Dazu zählt natürlich das berühmte Bäcker-Beispiel. Jede Argumentation für und wider des bargeldlosen Bezahlens endet irgendwann in der Frage: „Und was machst du, wenn du Brötchen beim Bäcker haben willst?“ Aber auch dieser Zufluchtsort ist am Wanken. Viele Ketten ermöglichen mittlerweile das Bezahlen per Karte oder wollen es einführen. Auch in Brühl und Leverkusen ist das schon teilweise der Fall.

Dennoch wird es in naher Zukunft immer Situationen geben, in denen Bargeld notwendig ist. Egal ob man nun in Berlin wohnt oder in einem Dorf in NRW arbeitet: Komplett mit Karte geschweige denn dem Handy lässt sich in Deutschland noch nicht bezahlen. Jedoch ist es heutzutage schon sehr viel einfacher geworden, das Portemonnaie stecken zu lassen.

Bildquellen:

  • Ein Snack-Automat auf einem Berliner Bahnsteig: privat
  • Google Pay im Geschäft: Paypal
Ein Huawei-Logo an einer Feuerstelle

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Thorsten Neuhetzki
Thorsten liebt Technik und ist seit 2018 bei inside handy als Redakteur an Bord. Als "alter Hase" in der Branche schreibt Thorsten am liebsten über alles, was mit Breitband zu tun hat. Dabei spielt es keine Rolle, ob es um Super Vectoring, DOCSIS 3.1 oder 5G geht, schnelles Internet ist für Thorsten und seine Berichterstattung das A und O. Abseits des Newsdesks ist Thorsten mit großer Begeisterung auf seinem Tourenrad unterwegs. Vor allem Schweden hat es dem in Berlin wohnhaften Ostwestfalen, der schon seit vielen Jahren Bayern München die Treue hält, angetan.

Handy-Highlights

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7 KOMMENTARE

  1. Schöner und guter Artikel,um einen Neueinsteiger im mobilen bezahlen wie mich,auf dem laufenden zu halten. War sehr interessant. Gerne mehr davon !!

  2. Bares Geld hat den Vorteil, dass es auch bei Stromausfällen funktioniert.
    Ein Benutzer von Bargeld kann auch nicht auf Knopfdruck – von wem auch immer und aus welchem Grund auch immer – „mittellos“ gemacht und von der Zahlungsfähigkeit ausgeschlossen werden.
    Bewegungs- und Konsumprofile lassen sich bei Bargeld nicht anlegen und verfolgen. – Deshalb muss Bargeld zugunsten von „Big Data“ abgeschafft werden.

    • Und nun erklärst du uns bestimmt noch, wie du ohne Strom und somit ohne Registrierkasse bezahlen möchtest. 😉 „Mittellos“ machen kann man den Barzahler auch auf Knopfdruck. Ich gehe ja mal davon aus, dass du dein Gehalt nicht mehr in der Lohntüte erhälst. Ein Bewegungsprofil bekommt man ebenfalls von Barzahlern. Die haben schließlich auch ständig ihr Smartphone in der Tasche.

    • Hallo Arshad,
      dann scheint Wien Berlin und Köln weit voraus. 🙂
      Sollte Kollege Neuhetzki das nächste Mal dort sein, macht er hoffentlich ein vergleichbares Bild von sich am Automaten – dann nur mit einem glücklichen Grinsen.
      Viele Grüße aus der Redaktion

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