Nokia 9 PureView im Test: Die eiskalte finnische Sauna

16 Minuten
Nokia 9 PureView 5-Kamera-Smartphone von hinten
Fast zwei Jahre lang war das Nokia 9 im Gespräch. Immer wieder rankten sich Gerüchte um den nicht enden wollenden Mythos des 5-Kamera-Smartphones. Auf dem MWC Ende Februar ließ HMD Global den Hund endlich von der Leine. Seit März ist das Nokia 9 PureView erhältlich. Doch was macht das Flaggschiff der Finnen so besonders? Sind es nur die fünf Kameras? Und inwieweit kann man das Nokia 9 als Konkurrenten für Galaxy S10, Huawei P30 und Co. betrachten? Vor allem im Hinblick auf den deutlich niedrigeren Preis? Der Test gibt Aufschluss.

 

Bevor es ums Design und die geballte Kameraausstattung geht, zunächst ein Blick auf die übrige Technik, die im Nokia 9 PureView zum Einsatz kommt. HMD Global stattet das High-End-Smartphone mit einem Snapdragon 845 aus. Dem Top-Prozessor von Qualcomm stehen 6 GB Arbeitsspeicher und 128 GB interner Speicher zur Verfügung. Und auch die restliche Ausstattung ist in der Oberklasse anzusiedeln.

Die technischen Daten in der Übersicht

Nokia Nokia 9 PureView
Das Nokia 9 PureView in blau in der Frontalansicht.
Software Android 9.0 Pie
Prozessor Qualcomm Snapdragon 845
Display 5,99 Zoll, 1.440 x 2.880 Pixel
Arbeitsspeicher 6 GB
interner Speicher 128 GB
Hauptkamera 4272x2848 (12,2 Megapixel)
Akku 3.320 mAh
induktives Laden
USB-Port 3.1 Typ C
IP-Zertifizierung IP67 (Schutz gegen Untertauchen)
Gewicht 172 g
Farbe Blau
Einführungspreis 649 €
Marktstart März 2019

Das Design des Nokia 9 PureView

Im Laufe der Jahre sickerte nach und nach, Foto für Foto, das Design des Nokia 9 durch. Somit konnte vor allem die Rückseite bei der Präsentation nicht mehr überraschen. Dennoch macht sie Eindruck, wenn man das Smartphone das erste Mal in der Hand hält. Insbesondere die im Hexagon angeordneten Kameras und Sensoren dominieren die von Nutzer häufig angewandte Seite des Handys. Der Zeiss-Schriftzug inmitten der Kamera-Armada fällt erst auf den zweiten Blick auf und zeigt, dass HMD Global bei den Objektiven mit dem deutschen Traditionsunternehmen kooperiert. Das Besondere an den Objektiven: Sie ragen nicht aus dem Gehäuse hervor, sondern schließen bündig ab. Mehr noch: Sie sind überhaupt nicht zu erfühlen, da das Glas der Rückseite gleichzeitig als Abdeckung für die sich dahinter befindenden Linsengruppen dient. Einzige Ausnahme: die Einfassung der LED. HMD Global hat die beiden Leuchtdioden mit einer Metalleinfassung vom Gehäuse getrennt. Vermutlich will man damit verhindern, dass das Licht der LEDs unter der Glasscheibe zu den Objektiven durchdringt und den Lichteinfall beeinflusst.

Die dunkelblaue Rückseite aus Glas glänzt und kann dank ihrer spiegelnden Eigenschaften ziemlich gut als Spiegel für Selfies dienen. Zu den Kanten hin ist das Glas leicht gebogen. Auf dem Weg auf die Vorderseite des Nokia 9 PureView gleiten die Finger über einen Metallrahmen, der oben und unten von schwarzen Kunststofffüllungen für die Antennentechnik unterbrochen ist. Vorne angekommen findet man einen Rahmen vor, der im gleichen Farbton getaucht ist wie die Rückseite. In den Ecken abgerundet passen sich die Radien dem Gehäuse an. Das wirkt stimmig und edel. In Zeiten von randlosen Displays dürfte der eine oder andere Nutzer aber den etwas zu breit geratenen Rand rund um den Bildschirm kritisieren.

Statt Notch oder einer im Display integrierten Kamera bleibt Nokia eher traditionell und lässt die Frontkamera im oberen Rand ein. Beim Fingerabdrucksensor sieht das anders aus. Hier setzt HMD Global auf die neueste – wenn auch nicht bessere – Technik und integriert den biometrischen Sensor im Display des Nokia 9 PureView.

Verarbeitung

Im direkten Vergleich mit dem Galaxy S10+ wird klar: Das Nokia 9 ist von den Maßen her nahezu genauso groß. Durch die deutlich breiteren Ränder fällt das Display jedoch 0,4 Zoll kleiner aus. Das klingt nicht sonderlich viel. Legt man jedoch beide Geräte nebeneinander wird der Unterschied deutlich.

Samsung Galaxy S10+ vs. Nokia 9 PureView

Dreht und wendet man das Nokia 9 PureView in der Hand, wird das zum Smartphone sehr passende Gewicht spürbar. Zudem stellt man nach kurzer Zeit fest, dass Vorder- und Rückseite sehr anfällig für Fingerabdrücke und Schlieren sind. Wickelt man das Nokia 9 nicht in eine Schutzhülle, spürt man bei der Bedienung die dominanten Kanten des Rahmens. Dadurch wirkt das Handy nicht so rundgelutscht wie die Top-Modelle von Huawei und Samsung.

Ob SIM-Karten-Schublade, die bündig mit dem Rahmen abschließt, die Taster an der rechten Flanke, die einen angenehmen Druckpunkt haben oder die längs ausgefrästen Löcher für Lautsprecher und Ladeanschluss: Die Verarbeitung des Nokia 9 PureView ist durchweg gut. Einziges Manko: Die Glasabdeckung auf der Rückseite ist nicht fest mit dem Rest des Smartphones verklebt. Ein kleiner Luftspalt zwischen Glas und den Innereien sorgt für hohle Geräusche, sobald man mit dem Finger leicht drauf klopft.

Trotz kleiner Patzer und Abzügen heimst das Nokia 9 PureView in der Kategorie “Design und Verarbeitung” aufgerundet die volle Sternenanzahl ein.

Teilwertung: 5 von 5 Sternen

Display des Nokia 9 PureView

Zunächst ein Blick ins Datenblatt: Der P-OLED-Bildschirm des Nokia 9 PureView misst 6 Zoll in der Diagonalen und löst bei einem Seitenverhältnis von 18:9 mit 1.440 x 2.880 Pixeln auf. Das ergibt eine Punktdichte von 538 ppi.

Display-Einstellungen Nokia 9 PureView

Schaltet man das Smartphone ein und blickt zum ersten Mal auf das Display, wirken die Farben zunächst sehr intensiv und die Kontraste zwischen den einzelnen Farben ziemlich groß. Das mag dem einen oder anderen Nutzer mit Sicherheit gefallen. Reale Farben lassen sich so aber nicht abbilden. HMD Global hat im Nokia 9 jedoch einige Farbeinstellungen im Menü versteckt, mit dem sich dieser Umstand beheben lässt. Wählt man in den Pure-Display-Einstellung statt “Dynamisch” etwa “Grundlegend” aus, erscheinen Farben und Kontraste deutlich natürlicher. Zudem ist auch ein Blaulichtfilter alias “Nachtlicht” an Bord, der unter anderem die müden Augen schont.

Die absolute Helligkeit ist zufriedenstellend. Auch die Blickwinkel bleiben bei schräger Draufsicht stabil. Die automatische Helligkeitsregelung hingegen könnte etwas zügiger und stufenloser arbeiten. Zudem blitzt das Display hin und wieder kurz auf, wenn man sich von einem dunklen in einen sehr hellen Bereich bewegt. Hinsichtlich der Schärfe gibt es aber nichts zu meckern.

Der Bildschirm des Nokia 9 PureView kommt zwar nicht an das tadellose Panel eines Galaxy S10 heran. Es befindet sich aber dennoch auf Flaggschiff-Niveau.

Teilwertung: 4,5 von 5 Sternen

Ausstattung und Leistung

Statt auf Qualcomms neuesten High-End-Prozessor (Snapdragon 855) zu setzen baut HMD Global auf die Top-CPU des Vorjahres. So findet im Nokia 9 PureView der Snapdragon 845 Verwendung. Diesem stehen 6 GB Arbeitsspeicher zur Seite. Hinzu kommt ein nicht erweiterbarer interner Speicher mit einer Kapazität von 128 GB.

Nokia 9 PureView im Benchmark-Test

Wie aber macht sich die verbaute Technik in der Praxis? Im Benchmark-Test von AnTuTu erreichte das Nokia 9 PureView 290.932 Punkte ein. Damit liegt das finnische 5-Kamera-Smartphone auf dem Niveau anderer Smartphones mit Snapdragon 845 an Bord wie dem OnePlus 6T. Zum Android-Spitzenfeld, das derzeit von den Galaxy-S10-Modellen angeführt wird, fehlen aber rund 40.000 Punkte.

UmfeldModellBenchmark-Wert
TestgerätNokia 9 PureView290.932
 
Huawei Mate 20 Pro249.187
direkte KonkurrentenOnePlus 6T296.028
Samsung Galaxy S9+249.185
 
LG G7 ThinQ262.448
ehemalige SpitzenmodelleSamsung Galaxy S9+249.185
Apple iPhone X208.752

Im Alltag wird man den Unterschied aber kaum merken. Vor allem dann nicht, wenn man kein auf dem Papier schnelleres Handy zum Vergleichen hat. Ob durch Menüs scrollen, zwischen Apps wechseln oder grafisch aufwendige Spiele spielen: Bei all diesen Arbeiten gerät das Nokia 9 PureView nie in Schwierigkeiten. Deutlich anders aber sieht es in der Kamera-App aus. Doch dazu später mehr.

Verbindungsmöglichkeiten des Nokia 9

Hinsichtlich seiner Schnittstellen kann das Nokia 9 PureView nicht in der obersten Smartphone-Liga mitspielen. Mit Bluetooth 5.0 ist zwar eine sehr aktuelle Schnittstelle an Bord. Hinsichtlich anderer Verbindungsmöglichkeiten wie LTE oder der unterstützten Satellitensysteme (GPS, Galileo, Glonass, Beidou) ist das Nokia 9 einen Schritt hinter Galaxy S10 und Co. Dafür bekommen Nutzer die Möglichkeit das Gerät kabellos via Qi aufzuladen. Zudem gibt es das Nokia 9 auch als Dual-SIM-Version zu kaufen.

 Nokia 9 PureView
HSPA
HSPA+
LTE (Down-max Mbit/s)▲ (1000 MBit/s)
USB-OTG
DLNA
NFC
Kabellose Display-Übertragung
MHL
Infrarot-Fernbedienung
Bluetooth-Version5.0
WLAN-Standardsa/b/g/n/ac
QI
Dual-SIM

Dank IP67-Zertifikat übersteht das Nokia 9 nicht nur einen Regenschauer, sondern lässt sich auch für eine halbe Stunde in bis zu einem Meter tiefem Wasser etwa als Unterwasserkamera nutzen.

Flinker Prozessor, ausreichend Speicher – wenn auch nicht erweiterbar – und auf Wunsch Dual-SIM: Das Nokia 9 PureView besitzt die Standardausstattung eines Flaggschiffs. Ein bisschen Luft nach oben ist aber noch vorhanden.

Teilwertung: 4,5 von 5 Sternen

Die Kamera-Ausstattung des Nokia 9

Im August 2018 kaufte HMD Global Nokias einst eigenständig entwickelte Kamera-Technik PureView von Microsoft zurück. Im Nokia 9 PureView findet sie das erste Mal Verwendung. In Kooperation mit fünf 12-Megapixel-Sensoren und einer Blendenzahl von f/1.8 bei allen Objektiven will HMD Global die Konkurrenz das Fürchten lehren.

Nahaufnahme der Penta-Kamera des Nokia 9 PureView

In der Theorie funktioniert das folgendermaßen: Bei jedem Foto, das der Nutzer mit dem Nokia 9 PureView aufnimmt, werden alle fünf Kameras aktiv. Dabei nehmen zwei der 12-Megapixel-Kameras in Farbe auf, drei weitere arbeiten Monochrom. Sie sollen unter anderem für die Schärfe und das Detailreichtum sorgen. Anders als im Vorfeld vermutet, haben die Kameras keine unterschiedlichen Brennweiten. Umgerechnet auf das Kleinbildformat beträgt die Brennweite der Kameras jeweils 28 Millimeter. Der Zoom erfolgt ausschließlich digital. Und: Jedes Bild wird in HDR aufgenommen. Der HDR-Modus lässt sich jedoch nicht ausschalten. Der Nachteil dabei: Teilweise entstehen ungewollt surreale Fotos, die einen deutlich zu hohen Dynamikumfang haben.

Langsam, langsamer, Absturz

Nach Angaben von HMD Global sei ein gesonderter Chipsatz in dem Handy nur für die Kamera zuständig und soll die beste Bildqualität ermöglichen. Er kümmert sich um die richtigen Einstellungen der Kamera und arbeitet mit dem eigentlichen Prozessor des Nokia 9 PureView zusammen. In der Praxis ist davon nichts zu merken. Im Gegenteil: Das Zusammenfügen von Fotos und Abspeichern in der Galerie dauert eine Ewigkeit. Längste gemessene Zeit: 23 Sekunden. Allein schon das Umschalten in der Kamera-App vom Foto- zum Videomodus dauert einige Sekunden. Hinzu kommen ständige Abstürze der Anwendung, wenn die Akkuladung einen bestimmten Wert unterschritten hat. Selbst ein Neustart hilft hier nicht weiter. Die Bedienung der Kamera-App ist somit eine Katastrophe. Zudem wird das Handy nach einigen Fotos ziemlich warm.

Kamerafehler beim Nokia 9 PureView

In Summe sollen die Bildinformationen HMD Global zufolge 60 bis 240 Megapixel betragen. Das zumindest ist Summe aller einzelnen Fotos. Fünf Kameras x 12 Megapixel = 60 Megapixel. Wie Fotos mit einer Auflösung von 240 Megapixeln Zustande kommen sollen, ist allerdings ein Rätsel. Egal in welchem Modus, egal in welcher Auflösung, egal mit welchen Einstellungen: Alle Fotos haben eine Auflösung von 12,2 Megapixeln.

Die Nokia-9-Kamera bei Nacht

Des Weiteren gibt HMD Global sich hinsichtlich des Bildrauschens selbstbewusst und verspricht vollmundig: “Das Nokia 9 PureView kann Bildrauschen dreimal schneller aus den Aufnahmen herausrechnen, als andere Handys.” Wer ein Foto bei Dunkelheit schießt, kann anschließend jedoch fast eine halbe Minute warten, bis die Software das Bildrauschen herausgerechnet hat und die App dabei nicht abgestürzt ist. Anschließend erhält man zwar ein rauschfreies jedoch sehr matschiges Fotos, bei dem Details ineinander übergehen. Schärfe? Mangelware. Insgesamt ist die Kamera des Nokia 9 PureView bei wenig Licht kaum bis gar nicht zu gebrauchen und eine herbe Enttäuschung.

Nachtaufnahme: Vergleich Nokia 9 PureView vs. Huawei Mate 20 Pro
Nachtaufnahme: Vergleich Nokia 9 PureView vs. Huawei Mate 20 Pro

Bokeh mit Wow-Effekt, aber …

Die Bilder sollen sich durch eine enorm große Tiefenschärfe auszeichnen. So gebe es bei Fotos, deren Motiv zwischen 7 Zentimetern und 40 Metern von der Kamera entfernt ist, insgesamt 1.200 Tiefenschärfe-Ebenen. Dadurch sei es auch noch besser möglich, auf dem Gerät nachträglich den Fokus des Bildes zu verlagern. Wo sich dieser aber anpassen lässt, wird wohl das Geheimnis von HMD Global bleiben.

Stürzt die Kamera-App einmal nicht ab, lassen sich bei Tageslicht Fotos mit überraschend schönem Bokeh schießen. Zumindest, wenn ein Objekt sehr nach vor der Kamera ist und es einen entsprechenden Hintergrund gibt. Dann werden Vorder- und Hintergrund meist sauber und exakt voneinander getrennt. Auf den Zoom sollte man aber verzichten. Dieser holt das Motiv zwar näher heran, funktioniert aber nur digital. Man bekommt das gleiche Ergebnis, wenn man ein Foto ohne Zoom schießt und nachträglich auf dem Display hineinzoomt. Einziger Unterschied: Fotos mit drei- oder fünffachem Zoom werden um Längen schlechter. Was die Software hier fabriziert ist fragwürdig.

Nokia 9 PureView: Nahaufnahme mit schönem Bokeh
Nokia 9 PureView: Nahaufnahme mit schönem Bokeh

Das Schärfeproblem

Während der Dynamikumfang meist ziemlich gut ist, verbaselt die Software des Öfteren die Schärfe. Zum einen entstehen ziemlich unscharfe Fotos, in denen Details schmerzlich vermisst werden. Doch das ist nicht bei jedem Foto der Fall. Hält man das Nokia 9 ruhig in der Hand und fotografiert ein Stillleben, blitzt die überragende Qualität der Penta-Kamera kurz auf. Doch sobald sich etwas nur minimal bewegt, schafft es die Software nicht, die Verschlusszeit entsprechend zu verkürzen. Und das sogar bei Tageslicht. Das Ergebnis: Verschwommene und unscharfe Fotos. Auf der anderen Seite produziert das Hexagon derart überspitzt scharfe HDR-Fotos, dass sie unnatürlich wirken. Wer sich die Bilder nicht nur auf einem kleinen Handy-Display, sondern auch mal auf einem Monitor oder einem Ausdruck ansieht, darf nicht mehr erwarten als von einer zehn Jahre alten Kompaktkamera, die ebenfalls nicht genau wusste, was zu tun ist.

Makroaufnahme in Schwarz-Weiß mit dem Nokia 9 PureView
Makroaufnahme in Schwarz-Weiß mit dem Nokia 9 PureView

Nahaufnahmen

Bei Nahaufnahmen kann die Kamera des Nokia 9 PureView etwas Boden gut machen. Man kann zwar nicht sonderlich nah an das Motiv herangehen – dafür ist die Naheinstellgrenze zu lang. Wer jedoch eine ruhige Hand beweist, bekommt gute Makros, in dem er nachträglich mit Digitalzoom arbeitet.

Die Videoqualität

Die Schwächen bei wenig Licht treten auch bei Videoaufnahmen hervor. Selbst in Ecken lichtdurchfluteter Räume geht die Schärfe über Bord und hinterlässt einen Pixelbrei. Zudem hat die Kamera Probleme beim Setzen der Schärfe. Während einer Aufnahme versucht die Software kontinuierlich zu errechnen, auf was der Fokus gerichtet ist. Dabei kann die Schärfe in einer Einstellung mehrmals zwischen Vorder- und Hintergrund wechseln. Auch bei Schwenks von hellen in dunkle Bereiche arbeitet die Kamera viel zu langsam und passt sich erst spät an die neuen Lichtverhältnisse an. Was wirklich gut ist: der Ton.

Mit der zurückgekauften PureView-Technologie und seinen fünf Kameras sollte das Nokia 9 PureView das Kamera-Smartphone des Jahres werden. Doch HMD Global liefert hier ein Produkt ab, das schlechter nicht sein kann. Die Kamera-Ausstattung verdient den Beinamen “PureView” nicht. Das mag vielmehr an der Kooperation von Soft- und Hardware liegen denn an der Optik von Carl Zeiss. HMD Global sollte versuchen, hier umgehend mit einem Software-Update zu reagieren. Denn das Nokia 9 ist bereits im Handel erhältlich.

Teilwertung: 3 von 5 Sternen

Software und Multimedia

Beim Betriebssystem setzt HMD Global auf Android One. Eine eigene Benutzeroberfläche gibt es somit nicht. Ob die Google-Suchleiste auf dem Homescreen, Google News auf dem linken Startbildschirm oder unzählige Google-Apps in der App-Übersicht und auf dem Homescreen: Das Nokia 9 PureView ist ein Google-Handy.

Mach die Musik aus!

Gemessen an der Bevölkerung hat Finnland die meisten Heavy-Metal-Bands der Welt – etwa 50 pro 100.000 Einwohner. Doch kann das finnische Unternehmen HMD Global diese und ihre Hörer zufriedenstellen? Kurz: Nein. Wer sein Handy dazu nutzt, Musik darüber zu hören, sollte die Finger vom Nokia 9 PureView lassen. Der Monolautsprecher im Rahmen erzeugt einen mittenlastigen Klang ohne Bass und Höhen. Dreht man etwas lauter auf, entsteht ein Klang, bei dem sich jedes Diktiergerät schämen würde. Einstellungen, um den Ton zu verbessern, gibt es nicht.

Nahaufnahme des Lautsprechers des Nokia 9 PureView
Der Lautsprecher des Nokia 9 PureView liefert einen unausgewogenen Sound ab.

Da mitgelieferte Headset ist ein Pfennigartikel aus China. Hier erledigt HMD Global nur seine Pflicht und legt Kopfhörer bei, damit der Lieferumfang komplett ist. Zum Telefonieren mögen diese ausreichen. Musik hören sollte man damit aber nicht. Für ein paar ordentliche Kopfhörer liegt zumindest ein Adapter von 3,5-mm-Klinke auf USB Typ C bei.

Die Entsperr-Möglichkeiten

Als Nutzer der Nokia 9 PureView kann man aus mehreren Entsperr-Möglichkeiten auswählen. Dazu zählen die Gesichtserkennung alias “Face Unlock” und die Erkennung der Papillarleisten eines Fingers. Während erstgenanntes zuverlässig und schnell funktioniert, ist der im Display integrierte Fingerabdrucksensor nicht immer auf Zack. Hin und wieder muss man den Daumen ein zweites oder drittes Mal neu platzieren, damit das Smartphone den Besitzer erkennt.

Der Fingerabdrucksensor des Nokia 9 PureView befindet sich im Display.
Der Fingerabdrucksensor des Nokia 9 PureView befindet sich im Display.

Die Software des Nokia 9 PureView ist Googles aktuellste Mode von der Stange – nichts Besonderes, aber auch nichts Überflüssiges. Der Sound des unehrenhaften Lautsprechers wertet das Smartphone ab. Ebenso die fehlende Benachrichtigungs-LED. Der Fingerabdrucksensor indes dürfte schneller und präziser funktionieren.

Teilwertung: 3 von 5 Sternen

Der Akku des Nokia 9

Die Finnen setzen beim Nokia 9 PureView auf einen Akku mit 3.320 mAh. Das mag im Vergleich zum Galaxy S10+ (4.100 mAh) oder Huawei P30 Pro (4.200 mAh) wenig erscheinen. Jedoch kann sich die Laufzeit des Handys sehen lassen. Hinzu kommt: Das Nokia 9 lässt sich per Qi kabellos aufladen.

Hinsichtlich der Akkulaufzeit musste sich der Energieträger im standardisierten Test der Redaktion bei dauerhaft aktiviertem Bluetooth, WLAN und GPS sowie E-Mail-Push einem 30-minütigen Gespräch, 30 Minuten Musikhören per Webstream sowie 30 Minuten Spielen und einer 30-minütigen HD-Video-Wiedergabe über YouTube stellen. Hinzu kamen die Aufnahme mehrerer Fotos und Videos, das Surfen auf verschiedenen Webseiten und ein Benchmark-Test.

ModellKapazität (mAh)AkkustandVerbrauch
Arbeitstag (8h)Nacht im Standby (16h)Intensivtest (8h)Standby (16h)
Testgerät
Nokia 9 PureView3.340 69583111
Alternativen
Samsung Galaxy S9+3.500 6656 3410
Huawei P20 Pro4.0006853168
One Plus 6T3.7006656168

Am Ende dieses anspruchsvollen 8-stündigen Arbeitstages ließen sich 69 übriggebliebene Prozent von der Akkuskala ablesen. Damit landet das Nokia 9 PureView im oberen Mittelfeld, knapp hinter den Führenden der von inside handy getesteten Smartphones. Im Standby-Modus büßte der Akku des Top-Modells elf Prozentpunkte ein. Nach insgesamt 24 Stunden verblieben somit noch 58 Prozent. Es wäre ein Risiko, einen weiteren Tag ohne Powerbank oder Steckdose überstehen zu wollen. Dennoch kommt das Nokia 9 PureView in dieser Kategorie auf eine

Teilwertung von 5 von 5 Sternen.

Fazit

Das Nokia 9 PureView ist wie eine finnische Sauna. Es sieht gut aus, ähnlich wie eine hölzerne Schwitzstube inmitten von Schnee und umgeben von Bäumen. Kommt man aber hinein, ist es eiskalt.

Testsiegel Nokia 9 PureView

Jahrelang trieb sich das Nokia 9 mit seinen fünf Kameras als Gerücht durch das Internet. Was die Kamera-Ausstattung angeht, wäre es besser dabei geblieben. Was HMD Global hier abliefert, kommt einer Farce gleich. Eigentlich sollte das Nokia 9 mitsamt PureView-Technologie die DSLR unter den Smartphones werden. Dabei liegt es auf dem Niveau einer zehn Jahre alten Kompaktkamera.

Es sind das Design, die gute Akkulaufzeit und das insgesamt überzeugende P-OLED-Display, die dem vermeintlichen Kamera-Smartphone die Gesamtwertung retten.

Um die Frage vom Anfang “Kann man das Nokia 9 als Konkurrenten für Galaxy S10, Huawei P30 und Co. betrachten?” zu beantworten: Nein, kann man nicht. Zumindest nicht, solange HMD Global kein Software-Update nachreicht, das die Kamera auf ein halbwegs vernünftiges Niveau hebt. Sollte das jedoch geschehen und die Kamera das erfüllen, was in Ansätzen durchgeblitzt ist, ist das Nokia 9 PureView eine Empfehlung.

Gesamtwertung: 4 von 5

Pro

  • Scharfes Display
  • Gute Akkulaufzeit
  • Schönes Design ohne hervorstehende Kameramodule

Contra

  • Miserable Kamera
  • Schlechter Lautsprecher
  • Keine Benachrichtigungs-LED

Preis-Leistungs-Verhältnis

HMD Global verlangt für das Nokia 9 PureView zum Marktstart rund 650 Euro. Für ein Smartphone mit der Ausstattung eines Oberklasse-Modells prinzipiell ein guter Preis. Wäre da nicht die Kamera, die beim Preis-Leistungs-Verhältnis die Leistung in den Keller zieht. Und hier dürfte das Nokia 9 PureView auch eingesperrt bleiben, wenn der Hersteller die Software nicht aktualisiert.

Alternativen

Allen voran bietet sich das Xiaomi Mi 9 als Alternative zum Nokia 9 PureView an. Das gibt es aktuell beispielsweise bei Media Markt für rund 450 Euro. Das chinesische Flaggschiff bietet eine ähnliche gute Ausstattung und hat aktuell eine der besten Kameras auf dem gesamten Smartphone-Markt.

Zwar ist die Differenz zum Galaxy S10 oder Huawei P30 Pro, die beide im Preisbereich von 1.000 Euro liegen, zu hoch. Jedoch kommen die Vorgänger infrage. So ist das Galaxy S9 bereits unter die 500-Euro-Marke gefallen. Und auch das Huawei P20 Pro befindet sich in ähnlichen preislichen Gewässern.

Honor 20 von vorne.

Start des Honor 20 Pro ungewiss: Schwarze Liste fordert erstes Opfer

Das Debakel um Huawei und Google fordert offenbar ein erstes Opfer. Das in dieser Woche vorgestellte Honor 20 Pro wird wohl nicht wie geplant auf den Markt kommen. Denn anders als das Basis-Modell Honor 20 hat das Pro-Modell die Android-Lizenz offenbar noch nicht erhalten. Und auch das bereits lizenzierte Honor 20 verspätet sich.
Avatar
Blasius liebt Technik, Musik und Fotografie. Während er sich bei technischen Themen für Innovationen begeistert, greift er beim Musizieren auf die Old-School-Akustikgitarre und für großartige Fotos auf die klassische Spiegelreflexkamera zurück. Er ist nicht nur im Privatleben ein Familienmensch, sondern als stellvertretender Chefredakteur auch eins der Oberhäupter der Redaktion. Blasius rechnet Handypreise zwar immer noch in D-Mark um, doch seine ruhige, ausgeglichene, kreative Art und sein Einsatz von immer treffenden und humorvollen GIFs, lassen darüber hinwegsehen.

Deine Technik. Deine Meinung.

12 KOMMENTARE

  1. Endlich ein würdiger Nachfolger für mein altes Nokia Lumia 1020, welches aber vor einem Jahr schon durch ein Huawei P20 Pro mit ebenfalls 40 MP ersetzt wurde. Wird also langsam wieder Zeit für eine Pureview Kamera. Schade nur, dass man mit dem Nokia 9 nur 12 MP Fotos speichern kann, und nicht auch ein 40 MP Bild…

  2. Zwei Anmerkungen: Eine 3,5 mm Klinkenbuchse ist nicht vorhanden und „unter dem Bildschirm“ ist eine schlechte Übersetzung aus dem Englischen, da zweideutig/irreführend, die sogar Nokia auf ihrer deutschen Webseite für einige Stunden drin hatte. Besser, da eindeutig, ist „im Bildschirm“, dies verwendet übrigens inzwischen auch Nokia auf ihrer Webseite.

  3. 4- für den Artikel, der wirkt etwas lieblos zusammen geschustert.
    Das Gerät hat weder Klinke-Anschluss, noch ist es in der Farbe schwarz erhältlich (so wie in der Bildunterschrift behauptet).

  4. Bitte nicht mit Steinen im Porzelanladen schmeißen,
    das Laden der Bilder bei euch auf den Seiten ist ebenfalls eine Farce, zumindest in diesem Bericht. Der Textschreiber sollte etwas neutraler schreiben, da es eher den Anschein hat als hätte er was persönliches gegen NOKIA / HMD Global.
    Mfg

  5. Die Kamera ist wahrscheinlich der Grund für die verspätete Auslieferung. Die ist immer noch nicht fertig. Aber das Smartphone mußte jetzt wohl raus. Weil die verbauten Komponenten sonst noch älter sind.(Siehe den Prozessor). Wäre es vor einem Jahr fertig gewesen mit funktionierender Kamera, wäre es ein Topsmartphone geworden. Für meinen Geschmack wird zu viel Wert auf die Kamera gelegt. Die meisten Leute wollen ein Smartphone mit integrierter Kamera kaufen und nicht einen Fotoapparat mit Telefonfunktionen. Aber eins wird bei der Bewertung völlig unterbewertet. Android One. Ein Betriebsystem ohne Müll. Man hat nur das auf dem Smartphone was man braucht. Damit sind das Nokia 8 und auch das Nokia 9 eigentlich Topsmartphones. Und irgendwann wird die Kamera auch mal fertig sein. Dann müsst ihr das Nokia neu bewerten. Ich bin mir sicher das Nokia beim nächsten Smartphone den Fehler mit verspäteter Auslieferung ausgebügelt hat. Dann sind sie oben dran

  6. Und was den Rand betrifft. 99,9% aller Smartphonebesitzer benutzen eine Hülle. Ich kenne niemanden der ohne Hülle rumläuft. Somit darf der Rand eigentlich gar nicht bewertet werden. Das ist krampfhafte Suche nach Mängeln.

  7. Hallo Hayo Lücke,
    das ist auch richtig, bzw. sollte so sein.
    Das ein Tester aber bei einem „gleichen Testverfahren“ mit dem Samsung S10 noch nicht mal kommentiert wird, dass es keine Benachrichtigungs LED gibt aber im gegenzug beim Nokia das anprangert. Das ist nicht mehr neutral sondern mit Vorbehalt behaftet!
    Ich möchte die fähigkeiten von Blasius Kawalkowski nicht angehen, er hat mit sicherheit genug Wissen und schreibt ja auch ganz gut aber laut seiner Schreibweise verstehe ich dann nicht wieso das Nokia 9 PureView überhaupt soviel Punkte bekommen hat – so wie ich das gelesen habe hätte ich dem Handy gefühlt keine 60% Bewertung gegeben.
    Daher bitte auch offen für Kritik sein, denke auch Journalisten sind nicht unfehlbar.
    Beste Grüße und weiterhin viel Spaß am testen.

  8. Servus MG.
    versteh mich bitte nicht falsch: Das Nokia 9 PureView ist im Prinzip ein gutes Smartphone. Nur war die Kamera im Test wirklich schlecht – auch wenn die Fotos, wenn sie denn funktionierte, teilweise wirklich gut waren. Wie Hayo es bereits sagte: Unsere Testberichte basieren auf einem standardisierten Verfahren. Es werden in jeder Kategorie Punkte vergeben, die auf das Gesamtergebnis einzahlen. Das erlaubt es uns eine – Testerunabhängig – stets neutrale Bewertung.

    Im Grunde kritisiere ich vor allem die drei Punkte, die bei „Contra“ zu finden sind. Plus das wirklich billige Headset, das einen miesen Sound abliefert. Und auch das Samsung Galaxy S10 hat Kritik abbekommen hinsichtlich Akku und Lautsprecher zum Beispiel. Die fehlende Benachrichtigungs-LED des S10 sorgte in unserem Bewertungssystem ebenfalls für Punktabzug und führte unter anderem zu den nur 4 von 5 Sternen in der entsprechenden Kategorie – auch wenn ich es nicht erwähnen sollte, passiert das. Dennoch habe ich es erwähnt: „Kein FM-Radio, keine Benachrichtigungs-LED, kein überzeugender, wenn auch sehr lauter Sound und zu viel vorinstallierte Bloatware: … “

    Ich/Wir sind immer offen für Kritik und beantworte(n) auch stets alle Anfragen, die sachlich und vernünftig an mich/uns herangetragen werden. Deshalb auch vielen Dank an dich.

Und was sagst du?

Bitte gib Dein Kommentar ein!
Bitte gibt deinen Namen hier ein

geschützt durch reCAPTCHA Datenschutzerklärung - Nutzungsbedingungen