Handyverbot in der Schule: Das dürfen Lehrer und das Schüler

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Kinder mit Smartphones
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Ob in der Jackentasche, im Aktenkoffer oder im Schulrucksack – das Handy ist immer und überall dabei. Schließlich ist Erreichbarkeit ein wichtiges Gut im modernen Alltag. Doch wie sieht es in Schulen aus? Wer darf dort über die Handynutzung bestimmen? Dürfen Lehrer Smartphones einziehen? Diese und andere Fragen stellen sich nicht erst seitdem nun in Frankreich ein Verbot von Smartphones an Schulen beschlossen wurde. 

Der Interessenkonflikt

Ganz bewusst entscheiden sich die meisten Eltern dafür, ihren Kindern ein Smartphone mit in die Schule zu geben. Die Schüler sollen erreichbar sein und sich auch selbst bei ihren Eltern melden können, wenn beispielsweise Unterricht ausfällt oder der Elternabend verschoben wird. Eltern sehen das Smartphone häufig als Sicherheit für ihr Kind und möchten Sohn oder Tochter nicht ohne Handy aus dem Haus schicken. Vielen Eltern ist dabei klar, dass ihre Kinder mitunter das Handy in der Schule nicht korrekt nutzen. Ablenkung durch WhatsApp und Co. sind im Klassenzimmer allerdings nicht gerne gesehen.

Agnes Kühn (Name geändert), Förderschuldirektorin einer Schule am Niederrhein, beschreibt Chatten, manchmal Fotografieren, selten auch Videos Aufnehmen als die Verstöße, die am häufigsten auftreten. Hier wird der Konflikt deutlich: Lehrer erwarten in der Klasse die volle Konzentration ihrer Schüler und sehen diese durch Handys gefährdet, manchen Schülern ist dagegen jede Ablenkung nur willkommen. Indirekt sieht sich die Schule zudem durch möglichen Missbrauch von persönlichen Daten bedroht. Kühn beschreibt die Problematik: Ins Netz stellen von Fotos und Videos, beleidigende und eskalierende aggressive Sprachnachrichten, die den Schulfrieden stören, sind absolut tabu, weil die Streitigkeiten dann in die Schule hinein getragen werden. Eltern sehen wiederum oftmals gerade ihre Pflicht darin, die Kinder modern und damit verantwortungsbewusst im Umgang mit digitalen Medien zu erziehen. Sie wünschen sich verstärkt einen Unterricht, in dem das Smartphone gewinnbringend integriert ist. Ein generelles Verbot des Smartphones an Schulen wäre vielen Eltern somit nicht recht.

Schüler mit Smartphone und Lehrer
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Im Schulalltag besteht die Schwierigkeit, die Handynutzung sowohl für Schüler und Eltern als auch für Lehrer positiv zu gestalten. Schlichtend wirkt an erster Stelle die Schulleitung der jeweiligen Schule. Bei Streitigkeiten, nach denen ein Lehrer einem Schüler das Smartphone entziehen möchte, gilt für Direktorin Kühn folgendes Vorgehen: „Es kommt selten zu Streitigkeiten zwischen Lehrern und Schülern. In solchen Fällen holen die Lehrer mich dazu. Ich nehme den Schüler mit in die Verwaltung, der Schüler darf erst wieder am Unterricht teilnehmen, wenn er mir das Handy aushändigt. In seinem Beisein werden die Sorgeberechtigten informiert. Sollte die Weigerung auch mir gegenüber aufrechterhalten bleiben, findet ein Rückkehrgespräch mit den Sorgeberechtigten und dem Schüler am Folgetag statt.“

Das gilt per Gesetz

In der Bundesrepublik besteht kein allgemeines Handyverbot an Schulen. Frankreich dagegen baut das Handyverbot an Schulen zum Schuljahr 2018 hin aus. In Deutschland ist die Handynutzung in den Schulordnungen der jeweiligen Bundesländer geregelt. Das Land Bayern formuliert im Schulgesetz Art. 56 Abs. 5 BayEUG vergleichsweise strikt:

„Im Schulgebäude und auf dem Schulgelände sind Mobilfunktelefone und sonstige digitale Speichermedien, die nicht zu Unterrichtszwecken verwendet werden, auszuschalten. Die unterrichtende oder die außerhalb des Unterrichts Aufsicht führende Lehrkraft kann Ausnahmen gestatten. Bei Zuwiderhandlung kann ein Mobilfunktelefon oder ein sonstiges digitales Speichermedium vorübergehend einbehalten werden.“

Das heißt, dass es in Bayern per Gesetz in keiner Schule gestattet ist, das Smartphone eingeschaltet zu lassen. Auch Vibrationsalarm oder Flugzeugmodus, stumm oder leise Stellen sind nicht erlaubt. Interessant dürfte für einige Schüler sein, dass die Schulgesetze aller Länder Lehrern explizit erlauben, ein Smartphone einzuziehen – als erzieherische Maßnahme. In den jeweiligen Gesetzen ist auch bestimmt, dass die Schulordnungen rechtlich geltend sind. Je nach Bundesland, sogar von Schule zu Schule, können sich also die Regeln zum Handyverbot unterscheiden. Es ist aber nicht zentral geregelt, wie lange ein Handy einbehalten werden darf. In der Praxis ist es üblich, das Smartphone dem Schüler nach dem Unterricht wieder zurück zu geben. Rektorin Kühn erläutert: „Für den betreffenden Schultag und der Dauer des Aufenthalts des Schülers in der Schule wird das Handy abgenommen. Es wird im Tresor eingeschlossen, der Schüler holt es am Ende des Schultages ab. Die Sorgeberechtigten werden telefonisch informiert.“

Bundesgerichtshof in Karlsruhe
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Was Lehrer nicht dürfen ist bei Blick in die Regelungen auch schnell deutlich: Es ist ihnen verboten, ein Smartphone zu durchsuchen, zum Beispiel Nachrichten zu lesen. Eine Dienstaufsichtsbeschwerde wäre in diesem Fall angebracht. Ist der Schüler volljährig, muss er die Beschwerde selbst einlegen, ansonsten seine Eltern. Schülern hingegen ist es nicht erlaubt, ohne Einverständnis aller betreffenden Personen Fotos, Videos oder Tonmitschnitte anzufertigen. Ebenfalls ist ihnen ohne Einverständnis die Verbreitung von an der Schule entstandenem digitalen Material über soziale Netzwerke untersagt.

Darum sind Schulregeln so wichtig

Gerade weil das Handyverbot nicht für alle Schulen in Deutschland in gleicher Weise besteht, sind die Schulordnungen so wichtig. Rektorin Kühn beschreibt die Schulordnung ihrer Schule in Auszügen: „Mit Eintreffen auf dem Schulgelände muss das Handy ausgeschaltet und in die Schultasche gesteckt werden. Es darf nur während der einstündigen Mittagspause vor dem Nachmittagsunterricht von Schülern der Abschlussstufe genutzt werden. Hierbei ist das Erstellen von Videos und Fotos mit dem Hinweis auf Datenschutzregelungen verboten.“

Während der Interviews mit der Redaktion von inside-handy.de wurde deutlich, dass sowohl Lehrern als auch Schülern die Schulordnung grundsätzlich bekannt ist. Die Schüler Nick* und Martin* bejahten, dass sie die Regeln zum Handyverbot im Unterricht kennen gelernt haben. Hätten alle Eltern, Schüler und Lehrer Kenntnis über die Schulordnung, könnten viele Streitigkeiten zum Thema Handyverbot vermieden werden. Viele Schulen veröffentlichen ihre Schulordnung auf ihrer Homepage.

Schüler mit Smartphone
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Handynutzung im Schulalltag

Weg von der Theorie – was ist gängige Praxis an Schulen? Stören Schüler mehrheitlich mit ihren Handys im Unterricht, nehmen Lehrer häufig Smartphones ab? Dürfen Schüler in Ausnahmesituationen mit dem Handy telefonieren, zum Beispiel während der Klassenfahrt?

Studienrätin Anna Vogelsang* sieht ihren Unterricht etwa einmal im Monat durch unerlaubte Handynutzung gestört. Sie selbst hat bisher einmal ein Handy eingezogen. Doch in den wenigsten Schulordnungen gilt das absolute Handyverbot: Der Schüler Nick gibt an, dass er telefonieren dürfe, falls er einen Unfall habe oder krank sei. Lehrer und Schulleitung sprechen bei solchen Ausnahmen gerne die Erlaubnis aus, das Mobiltelefon zu benutzen. Ausnahmesituationen sind auch Klassenfahrten, für die es oft keine allgemeinen Regeln gibt. Vogelsang erläutert, dass die Regeln von der Fahrtleitung jeweils neu festgelegt werden.

Unterricht 2.0

Längst ist es an einigen Schulen üblich, das Handy als Medium in den Unterricht aufzunehmen. So wird Schülern nicht zuletzt der Reiz des Verbotenen genommen: Im Idealfall kann der Unterricht störungsfrei ablaufen. Vogelsang integriert das Smartphone in ihren Unterricht, beispielsweise zur Recherche von Fachbegriffen oder zur Suche nach Abbildungen etc. Schulbuchverlage haben den Trend der digitalen Bildung aufgenommen und Apps für alle gängigen Schulfächer entwickelt. Die Programme sind als Angebote neben den Schulbüchern zusätzliche Lernhilfen.

Das Bildungsportal des Landes Nordrhein-Westfalen bietet Lehrern einige Tipps zum Umgang mit Medien in einem modernen Unterricht an. Möchte ein Lehrer also seinen Unterricht modernisieren und gleichzeitig den Schülern einen verantwortungsbewussten Umgang mit neuen Medien und Technologien näher bringen, kann er im Netz Hilfe und Inspirationen finden. Das Rektorat könnte durch das Angebot einer begleitenden Fortbildung dieses Vorhaben unterstützen. Beispielsweise dürfte eine Fortbildung zum Thema Datenschutz, Mobbing und geltende Rechtslage jedem Lehrer Sicherheit für den eigenen Unterricht bringen. Befürworten Eltern eine pädagogisch sinnvolle Handynutzung und nehmen Schüler letztlich die neuen Konzepte an, steht dem Unterricht 2.0 nichts mehr im Wege.

Erlaubt Grauzone Verboten

Schüler

Lehrer

Schüler

Lehrer

Schüler

Lehrer

Ausgeschaltete Smartphones dabei haben Smartphones als erzieherische Maßnahme einziehen Smartphones eingeschaltet in der Schultasche, aber ungenutzt, lassen Sonderregelungen zur Handynutzung aufstellen bei Klassenfahrten Videos, Fotos, Tonmitschnitte fertigen Smartphone durchsuchen
Smartphone-Nutzung gemäß der jeweiligen Schulordnung Kontrolle im Unterricht, ob Handys auf dem Tisch liegen Telefonieren in Ausnahmefällen   Smartphones zum Mobbing nutzen Schüler auffordern, Inhalte des Handys zu zeigen
        Verbreitung jeglichen in der Schule entstandenen, digitalen Materials im Internet  
        Störung des Unterrichts durch Handynutzung, bspw. WhatsApp-Nachrichten  
** Tabelle gilt nicht für Bayern, dessen Gesetz Handys auf dem Schulgelände gänzlich verbietet

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