Komplettes 5G-Desaster oder viel Lärm um nichts? Eine Einschätzung

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Ein 5G-Logo auf einer Messewand
Bildquelle: Thorsten Neuhetzki
Die Entscheidung ist gefallen: Es steht nun fest, zu welchen Bedingungen die neuen 5G-Frequenzen versteigert werden und welche Auflagen damit verbunden sind. Das Gejammer ist auf allen Seiten groß. Doch war das nicht erwartbar? Welche Alternativen hätte es gegeben? Eine kommentierende Einschätzung.

„Unrealistisch“, „unzumutbar“ oder „investitionsfeindlich“. Das waren nur einige der Adjektive, die in den Stunden nach der Bekanntgabe der 5G-Frequenz-Entscheidung Anfang der Woche die Runde machten. Auch in den Medien ist fast durch die Bank von einer verpassten Chance für Deutschland, einem Desaster und ähnlichem zu lesen. Doch ist die Entscheidung der Bundesnetzagentur wirklich so katastrophal? Oder ist sie mehr das geringste Übel, das möglich war? Warum hat sie nicht verfügt, dass Telekom, Vodafone und Co. sich gegenseitig auf ihre Netze lassen? Und sind die Auflagen für die Netzbetreiber wirklich so dramatisch?

Sechs Jahre Zeit zum Netzausbau

Fangen wir einfach mal vorne an. Was müssen die Anbieter, die im Frühjahr Frequenzen um 2 GHz (derzeit UMTS) oder 3,6 GHz ersteigern, leisten? Ersteigern Telekom, Vodafone oder O2 Frequenzen – wovon auszugehen ist – müssen sie ihre bestehenden Netze soweit ausbauen, dass diese bis Ende 2022 a) in 98 Prozent der Haushalte 100 Mbit/s zumindest theoretisch verfügbar sind b) alle (!) Autobahnen und Bundesstraßen der sogenannten Verbindungsfunktionsstufen 0/ 1  mit 100 Mbit/s und maximal 10 Millisekunden und c) und alle Schienenwege mit mehr als 2.000 Fahrgästen am Tag mit 100 Mbit/s versorgt sind. Bei den 100 Mbit/s handelt es sich jedoch um den Shared-Medium-Wert, nicht den Wert, den jeder Kunde garantiert bekommt.

Außerdem müssen bis Ende 2024 alle (!) Bundesstraßen mit den geforderten Werten versorgt sein, alle Landes- und Staatsstraßen und alle Schienenwege mit 50 Mbit/s abgedeckt sein. Das ist wahrlich keine „Rocket Sience“ für die Anbieter. Sie können dazu auch LTE nutzen. Zumindest Telekom und Vodafone sind hier in einer sehr guten Ausgangsposition und sie haben Stand heute noch vier beziehungsweise sechs Jahre Zeit. Also Schluss mit dem Gejammer an dieser Stelle! Schließlich sollen ja auch die zahlenden Kunden zufrieden sein und ein Netz nutzen können.

Deutschland bei 5G hinten an?

Doch wo bleibt 5G? Natürlich können die Anbieter die Auflagen auch mit 5G erfüllen. Doch sie müssen es nicht. Das einzige, was von der Bundesnetzagentur gefordert wird, sind 1.000 5G-Stationen pro Netzbetreiber, wenn Frequenzen aus dem Bereich um 3,6 GHz ersteigert werden. Das ist in der Tat wenig, bedenkt man, dass heute jeder Netzbetreiber zwischen 20.000 und 40.000 Sender betreibt und damit kein lückenloses Netz möglich ist. Erschwerend hinzu kommt, dass die genannten Mobilfunk-Frequenzen kaum Reichweite haben.

Muss sich Deutschland also vom gewünschten 5G Leitmarkt verabschieden? Sind 1.000 5G-Sender nicht ein Desaster für den Technologie-Standort Deutschland? Ja! Wenn es wirklich dabei bleibt. Das wird es aber nicht. Denn zumindest die drei bestehenden Anbieter haben mindestens ein Ass im Ärmel. Da wären zum einen die 700 MHz-Frequenzen. Sie sind seit Jahren vergeben, werden aber abgesehen von wenigen Tests noch nicht für den Mobilfunk genutzt.  Grund dafür ist die Nutzung durch TV-Sender. Doch bis zum angepeilten Marktstart 2020 sind die Frequenzen frei. Und sie haben eine großartige Reichweite – die beste Reichweite überhaupt in der deutschen Mobilfunklandschaft. Sicherlich, jeder Netzbetreiber hat nur 2×10 MHz Spektrum. Das reicht bei weitem nicht aus, um damit das oft gepriesene Gigabit per 5G bis – wie in den vergangenen Tagen öfter zu lesen war – an die letzte Milchkanne zu liefern. Doch muss das wirklich zum Marktstart sein?

Lesetipp: 5G in Deutschland – Zwischen Status Quo und Zukunftsmusik

Flächendeckendes 5G durch die Hintertür möglich

5G auf 700 MHz wäre prima geeignet, um ein flächendeckendes Rumpfnetz für die Datenübertragung zu installieren. Energiesparende 5G-Slices für Sensoren wären kein Problem. Und die Frequenzen kämen sogar noch durch die Wände und in die Keller, könnten Strom- und Wasserzähler erreichen. Das wäre mit 3,6 GHz nicht möglich. Auch ein flächendeckendes Netz mit geringer Latenz wäre in dem Frequenzband möglich und ja, auch das normale Surfen wie heute per LTE im 800-MHz-Band wäre kein Problem. Viele 5G-Anwendungen werden damit bereits möglich.

Dort, wo Bedarf an mehr Bandbreite besteht, könnten die Netzbetreiber dann zusätzlich 3,6-GHz-Sender aufstellen und quasi „All-In“ gehen. Hier wäre dann schlagartig Gigabit per 5G verfügbar. Das wird das Stadion sein, der Flughafen, der Bahnhof aber vielleicht auch die Einkaufsstraße oder das Festival-Gelände. Zwischen der Option, ganz wenig Datenrate per 700 MHz und ganz viel Datenrate per 3,6 GHz zu liefern, hätten die Netzbetreiber dann noch zahlreiche weitere Frequenzen zur Verfügung, um je nach Reichweite eines Senders und dem Bedarf zu variieren. Nicht zuletzt stehen auch die heutigen UMTS-Frequenzen zur Versteigerung. Man kann nach derzeitigem Stand der Dinge nicht davon ausgehen, dass die Netzbetreiber diese erneut ersteigern werden, um das ineffiziente UMTS weiterhin zu betreiben.

Harte Auflagen mit nächster Vergabe möglich

Die geforderten Auflagen bis 2022 und 2024 zielen bei genauer Betrachtung mehr auf die Bestandsnetze ab als ein neues 5G-Netz. Der Regulierer hatte rechtlich nur keine Handhabe, die Auflagen für vor Jahren vergebene Frequenzen zu verschärfen. Also bedient man sich dieses Tricks, dem die Netzbetreiber prompt mit Klageandrohungen begegnen.

Ja, die 5G-Auflagen sind lasch. 1.000 Sender, die die Reichweite einer Funzel haben, sind ein Witz. Aber die Netzbetreiber haben genügend Möglichkeiten, mehr daraus zu machen. Dass der Regulierer kein flächendeckendes 5G-Netz auf 3,6 GHz gefordert hat, ist gut. Denn diesen finanziellen Invest hätte kein Netzbetreiber leisten können.

Nicht vergessen werden darf auch: Nach der Frequenzauktion ist vor der Frequenzauktion. 2025 enden die Zuteilungen für die Frequenzen um 800 MHz, 1800 und 2600 MHz. Die Neuvergabe dazu wird wohl etwa 2022 bis 2023 stattfinden. Das bringt zwar keine zusätzlichen Frequenzen, mit der dann zu erwartenden Auktion kann der Regulierer aber die Daumenschrauben anziehen. Das Argument, die Frequenzen haben keine Reichweite kann und darf dann nicht mehr zählen. Jetzt kann 5G flächendeckend eingefordert werden. Sind die Netzbetreiber pfiffig, haben sie die Netze bis dahin schon ausgebaut. Die Frequenzen haben sie ja bereits. Und dass diese auch teilweise für andere Dienste genutzt werden können, zeigt die Telekom mit LTE 900, den eigentlichen GSM-Frequenzen.

Lesetipp: Die Technik hinter dem 5G-Netz

Und was ist nun mit dem National Roaming?

Natürlich wäre es traumhaft, wenn mit dem billigsten Discounter-Vertrag das Premium-Netz durch ein National-Roaming-Abkommen nutzbar würde. Jeder Kunde würde sich das wohl wünschen. Dass das Premium-Anbieter jedoch gerade nicht wollen – nachvollziehbar. Und rechtlich wäre es für die Bundesnetzagentur auch nicht ohne weiteres möglich gewesen. Denn die bestehenden Netze in Deutschland sind eben bestehende Netze zu bestehenden Regeln. Diese nachträglich zu ändern – kaum möglich.

Dennoch soll es ein National Roaming geben – freiwillig. Das kann auch aus Sicht der Netzbetreiber sinnvoll sein. Denn dass jeder Netzbetreiber einen eigenen Sendemast an der viel beschworenen Milchkanne aufstellt, ist kaum lohnenswert. Wie man sich den Kuchen und die Aufgaben aufteilt, ist nun erst einmal Aufgabe der Netzbetreiber. Und diese Aufgabe muss gelöst werden. Denn für eine Auflage kann man die Bundesnetzagentur wirklich kritisieren. Sie sagt, dass die genannten Versorgungsauflagen entlang der Verkehrswege dann als erledigt gelten, wenn einer der Netzbetreiber eine Versorgung hergestellt hat. Dann gibt es zwar Netz, die Kunden der anderen Anbieter haben davon ohne ein Roaming-Abkommen jedoch nichts. Und sie werden einen Teufel tun, in ohnehin unlukrativen Gebieten einen eigenen Sender neben einen schon existierenden zu bauen. Kommt es nun zu keiner Roaming-Vereinbarung, ist der Flickenteppich vorprogrammiert – und das mit staatlichem Segen.

(K)eine Chance für Neueinsteiger?

United Internet war in den vergangenen Monaten der Anbieter, von dem man am ehesten erwarten konnte, dass er sich als Neueinsteiger in den Markt wagt. Ob es wirklich dazu kommt – abwarten. Erinnern wir uns zurück: Viag Interkom (heute O2) startete seinerzeit als Metropolen-Netz. Nur durch ein freiwilliges Roaming-Abkommen der Telekom war es den Kunden möglich, auch in der Fläche zu telefonieren. Wäre die Telekom heute noch einmal bereit, ein solches Abkommen mit einem anderen Anbieter zu schließen? Oder Vodafone? Notfalls könnte man sich vermutlich des MVNO-Abkommens der zur Unternehmensgruppe gehörenden Drillisch mit Telefónica bedienen. Der Regulierer würde National Roaming begrüßen, hat aber auch hier keine Handhabe.

Die Ausbauauflagen für Neueinsteiger sind harmlos. Bis Ende 2023 müssen mindestens 25 Prozent der Haushalte versorgt werden. Mit welchem Standard, welchen Bandbreiten, dazu schweigen die Auflagen sich aus. Bis Ende 2025 müssen mindestens 50 Prozent erreicht werden. Wer nur 3,6-GHz-Frequenzen ersteigert, muss bis dahin sogar nur 25 Prozent der Haushalte erreichen. Das sind etwa 10 Millionen Haushalte. Ob sich United Internet oder ein anderer Anbieter das Investment zutraut – fraglich.

Fazit: Großer Aufschrei, aber kaum Alternativen

Um es klar zu sagen: Ich kann das Gejammer der Netzbetreiber um zu harte Auflagen nicht verstehen. Leute, die Ausbauverpflichtungen sind windelweich! Setzt euch für die ländlichen Gebiete zusammen und teilt euch die Infrastruktur und den Ausbau. In anderen Ländern ist das gang und gäbe, wie ein Blick nach Schweden oder Kanada zeigt.

Auch die Polemik der Öffentlichkeit um eine verpasste 5G-Chance kann ich nicht nachvollziehen. Sollte der Regulierer wirklich eine Quasi-Enteignung der Netzbetreiber durch ein verpflichtendes National Roaming anordnen? Oder ein flächendeckendes 5G-Netz auf 3,6-GHz-Frequenzen? Bleibt bitte realistisch. Das hätte mehrere zehntausend, wenn nicht gar hunderttausend neue Sender in Deutschland bedeutet. Es waren schlicht keine vernünftigen Frequenzen frei. Allerdings wurde in der Vergangenheit, etwa bei der Vergabe der 700-MHz-Frequenzen, geschlafen.

Abgesehen von den wachsweichen Formulierungen rund um das Gebot der Roaming-Verhandlungen hat der Regulierer letztlich das beste aus der Situation und dem von allen Seiten aufgebauten Druck gemacht. Und jetzt hört auf zu debattieren, treibt die Gebote für die Frequenzen nicht sinnlos in die Höhe und baut die Netze aus. Miteinander, nicht gegeneinander!

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