LTE oder kein LTE: "Es besteht die Gefahr einer Zwei-Klassen-Gesellschaft"

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Benjamin Grimm, Leiter Netze und Angebote der freenet AG
Bildquelle: freenet AG
In den kommenden Wochen wird feststehen, zu welchen Bedingungen die 5G-Frequenzen versteigert werden und welche Auflagen den Netzbetreibern gemacht werden. Einen Ausblick, auf das, was da kommen könnte, hat der Präsident der Bundesnetzagentur, Jochen Homann, vor kurzem schon gegeben. Doch noch steht nichts wirklich fest. inside handy hat mit Benjamin Grimm, Leiter Netze und Angebote bei der freenet AG, gesprochen.

Für Provider wie freenet AG, hinter der Marken wie mobilcom-debitel und klarmobil stecken, ist klar, dass die Rahmenbedingungen für 5G auch für die sie stimmen müssen. „Wir sind absolut überzeugt, dass Wettbewerb essentiell ist. Nur so kann der Netzausbau funktionieren“, sagt Grimm im Gespräch mit inside handy. „Wettbewerb sorgt als Innovationstreiber auch dafür, dass die Netzbetreiber Dinge tun, zu denen sie ohne den Druck der Wettbewerber nicht gezwungen gewesen wären.“ Er warnte davor, Provider aus den künftigen 5G-Netzen auszuschließen. „Wenn Netzbetreiber keine ausreichende Netzauslastung und nicht genügend Kunden im Netz haben, lohnt sich die Investition in die Netze nicht.“ Das sehe man schon bei LTE, wo die Netzbetreiber zum großen Teil die Vermarktung ausschließlich selbst übernommen haben: „Hier fehlt die Marktdurchdringung und Deutschland steht bei den LTE-Netzen im internationalen Vergleich schlecht da.“

LTE oder kein LTE: Gefahr einer Zwei-Klassen-Gesellschaft

Aus den Geschäftsberichten der Netzbetreiber und aktuellen Studien lasse sich herauslesen, dass nur ein Drittel der Mobilfunk-Kunden in  Deutschland auch LTE nutzen könne. „Was bringt eine LTE-Abdeckung von 94 Prozent oder noch mehr, wenn ein Großteil der Kunden das Netz nicht nutzen kann?“, fragt Grimm rhetorisch. Wenn zwei Drittel der Kunden in einem Netz nur UMTS (mit einer Abdeckung von weniger als 85 Prozent) nutzen können, sollte man bei Beschwerden von Verbrauchern über schlechte Netze auch nachfragen, ob diese Kunden überhaupt LTE nutzen.

„Es besteht die Gefahr einer Zwei-Klassen-Gesellschaft: Die einen Kunden können sich das beste neue Smartphone mit dem teuren Netzbetreibertarif samt LTE leisten, die anderen Kunden nur einen Discounter- oder Provider-Vertrag ohne LTE. Für unter 30 Euro bekommen Sie im Netzbetreiber-Portfolio keinen vernünftigen Tarif.“ Das Szenario werde sich mit 5G nicht verbessern, wenn ausschließlich die Netzbetreiber 5G vermarkten, weil es zu keinen vertraglichen Regelungen zwischen Providern und Netzbetreibern kommt.

Auch Provider haben Anteil am Netzausbau

Grimm wehrt sich im Gespräch mit inside handy auch gegen ein oftmals von Netzbetreibern und Lobbyisten gemaltes Bild, die Provider hätten keinen Anteil am Netzausbau. „Wenn die Politik heute sagt, dass wir Provider keine weißen Flecken ausbauen, hat sie nur auf den ersten Blick recht. Wir beteiligen uns stark am Netzausbau, denn wir zahlen für die Netznutzung jedes Jahr mehr als eine Milliarde Euro an die drei Netzbetreiber. Hinzu kommen die Gelder von anderen Providern. Wir Provider zahlen also genauso in den Netzausbau ein, wie die direkten Kunden der Netzbetreiber das auch tun. Das ist leider vielen gar nicht bewusst. Es ist ein Ammenmärchen, dass wir Provider uns ins gemachte Netz setzen und dafür nichts zahlen.“

Welche Dienste die freenet AG ihren Kunden im 5G-Netz anbieten wird, kann Grimm, Stand heute, noch nicht sagen. „Ich glaube, es hat noch niemand das perfekte Geschäftsmodell in der Schublade.“ Im direkten Endkundengeschäft gebe es heute noch kaum den Bedarf, 5G-Tarife und Dienste anzubieten – das Endkundengeschäft ist aber ein Großteil des Geschäftes der mobilcom-debitel. Klar sei aber, dass das neue Netz Dienste realisieren kann, für die heutige Netze nicht ausgelegt sind. Das könnten Millionen von Sensoren sein oder extrem kurze Latenzzeiten.

Edge-Server-Betrieb von Google & Co. statt von den Netzbetreibern?

Ob Provider überhaupt eigene Dienste ohne Vorleistungen der Netzbetreiber umsetzen können, ist – abseits einer Diensteanbieterverpflichtung – unklar. „Für uns Provider ist bei eigenen Diensten im 5G-Netz auch relevant, wie die Netzarchitektur am Ende aussieht. Wer betreibt beispielsweise die Edge-Server, über die aufgrund der geringen Latenz viele Dienste laufen müssen?“ Mit Blick auf die kurzen Latenzzeiten ist es erforderlich, diese Edge-Server in der Nähe der Basisstationen aufzubauen. Grimm hält es für offen, ob dass das die drei Netzbetreiber selber realisieren werden. Schon heute bauen Dienste-Anbieter wie Amazon, Akamai oder Google eigene Rechenzentren auf, in denen sich die Netzbetreiber zusammenschalten. Über diese werden per Content Delivery Networks (CDN) Videos ausgeliefert. Gut möglich, dass das auch bei 5G so
umgesetzt wird und Dritte diese Server aufbauen.

Ein eigenes Netz will die freenet nach derzeitigem Stand jedoch nicht aufbauen. Man habe den Schritt geprüft, sagt Grimm. Doch faktisch
sei eine flächendeckende Versorgung mit der zur Vergabe stehenden Frequenzausstattung nicht möglich. Damit bestehe eine hohe Abhängigkeit von National Roaming, das bisher nicht geregelt ist. „Sollte jedoch ein neuer Netzbetreiber an den Start gehen, würden wir gerne auch bei diesem Leistungen einkaufen“, sagt Grimm.

So sollen die 5G-Frequenzauflagen aussehen

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