Huaweis Leistungs-Modus: Benchmarks sollen künftig bewusst ausgetrickst werden

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Huawei P20 Pro in Leder-Optik
Bildquelle: Blasius Kawalkowski / inside handy
Es ist mehr als anderthalb Jahre her. Die Älteren werden sich also daran erinnern, dass OnePlus Anfang 2017 in Erklärungsnöte geriet. Findige Spürnasen hatten entlarvt, dass das Modell OnePlus 3T Benchmark-Tests erkannte und die Leistung des Prozessors für ein besseres Ergebnis kurzfristig hochzuschrauben. Diese Smartphone-Adaption des Abgas-Skandals hat auch Huawei eingeholt. Im Zentrum: Flaggschiffe wie das P20 Pro.

Update: Nutzer sollen Kontrolle erhalten

Nachdem sich herausgestellt hat, dass Huawei bei seinen Benchmark-Tests schummelt, hat der Hersteller die Vorwürfe zwar bestätigt, allerdings mit einem „das machen doch alle“ verharmlost. Damit war die Geschichte allerdings nicht vorbei, denn als Folge des Benchmark-Skandals entfernte 3DMark einige betroffene Huawei-Geräte wie das P20 Pro, das Nova 3 und auch das Honor Play aus den eigenen Listen. Nun hat sich Huawei mit UL Benchmarks in Verbindung gesetzt und eine Lösung erarbeitet.

In einer aktuellen Pressemeldung schob Huawei die Schuld an dem Betrug zunächst auf die künstliche Intelligenz. Diese soll die Ressourcen eigenständig so zugewiesen zu haben, dass die Hardware „ihre volle Leistung zeigen kann“. Unterm Strich bedeutet dies allerdings auch nichts anderes, als dass die Software den Benchmark-Test erkannt und die Leistung entsprechend hochgeschraubt hat. Dies soll auch künftig so sein, allerdings mit Einverständnis des Nutzers. Hierfür hat Huawei einen neuen Leistungs-Modus „Performance Mode“ vorgestellt, der mit der hauseigenen Oberfläche EMUI 9.0 Einzug auf Huawei-Geräte erhält. Damit werden Nutzer die maximale Leistung nach Belieben ein- und ausschalten können.

Performance Mode bringt auch Nachteile

Obgleich die Tests mit einem frei wählbaren Leistungs-Modus legitim wären, bietet dieser auch Nachteile. So wird dadurch die normale Geschwindigkeit des Smartphones künstlich verzerrt, denn im Alltag wird das Gerät wohl weniger leisten können, als in dem neuen Modus. Sollte dieser hingegen auch im Alltag anwendbar sein, würde dies negative Folgen für die Akkulaufzeit haben. Auch wäre es möglich, dass sich das Handy so öfters überhitzt, was die Lebensdauer der Hardware verkürzen könnte.

Ob Huawei eine Lösung für die genannten Probleme eingeplant hat und wie der Leistungs-Modus genau umgesetzt werden wird, wird sich noch zeigen müssen. Sobald dieser verfügbar ist, werden die Huawei-Geräte auch wieder unter den 3DMark-Ergebnissen erscheinen.

Das ist passiert: Huawei beim Benchmark-Schummeln erwischt

Mit dem Kirin 970 setzte Huawei eine ordentliche Marketing-Maschinerie in Bewegung, die einiges von dem mittlerweile ein Jahr alten Prozessor erwarten ließ. Das musste Huawei dann auch liefern und schaffte dies mit Abstrichen: Auch wenn die Benchmark-Werte von Snapdragon- oder Samsung-Exynos-Prozessoren nicht erreicht wurden, so ist zumindest der Abstand merklich kleiner geworden.

Wie nun bekannt wurde, sind die gemessenen Werte in Benchmark-Tests allerdings nicht authentisch. Die Seite AnandTech ist dem Umstand auf die Schliche gekommen, als Diskrepanzen zwischen den Testergebnissen von Huawei Mate 10 und P20 Pro beobachtet wurden.

Auch die Benchmark-Entwickler von UL haben Ungereimtheiten bei Huawei-Tests entdeckt und unter anderem das P20 Pro, das Nova 3 und das Honor Play aus den Datenbanken ausgelistet. Nach dem Anandtech-Report verschwand auch das Basismodell des P20 aus der Benchmark-Liste. Gemeinsamkeit all dieser Smartphones: Der Kirin-970-Prozessor.

Dokumentierte Testergebnisse, die zwischen einer erkannten und unerkannten Benchmark-App differenzieren, zeigen, dass der Boost, den die Erkennung der Apps auslöst, die Benchmark-Ergebnisse teilweise doppelt so stark erscheinen lässt. Gemessen wurde hier zum Beispiel der 3DMark-Test „Sling Shot Extreme“, der aus der Entwicklung der UL-Tochter Futuremark stammt.

authentische und manipulierte 3DMark-Ergebnisse mit Huawei-Smartphones
Bildquelle: UL / Futuremark

Huawei zu den Vorwürfen der Benchmark-Schummelei: „Das machen doch alle“

AnandTech folgerte ähnliche Schlüsse mit dem Test von GFXBench. Es scheint also tatsächlich System hinter den Leistungsexplosionen zu stecken.

Die Seite konfrontierte Chenglu Wang, Software-Chefentwickler bei Huawei, mit den Vorwürfen. Nachdem in diesem Gespräch offenbar zunächst über Sinn und Unsinn solcher Benchmark-Tests diskutiert wurde, hatte Wang, dem diese „Schummelei“ durchaus bewusst war, tatsächlich noch eine Rechtfertigung parat: Huawei könne demnach nicht still sitzen bleiben, während die Mitbewerber alles daran setzen würden, höhere Benchmark-Ergebnisse zu erzielen. Laut Huawei handle es sich bei den Benchmark-Schummeleien also um eine Art Sport, der insbesondere bei chinesischen Herstellern – hier schließt sich die Brücke zu OnePlus – ausdauernd betrieben würde.

Neuer Versuch mit dem Kirin 980

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