Retro-App: Windows wie vor 20 Jahren

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Windows 95
Bildquelle: inside handy
Wie wäre es mit einer Reise in die 90er? Geht nicht? Doch, geht: Eine neue App für Windows, macOS und Linux bringt Windows 95 auf den heimischen Computer.

Tattoo-Ketten, Plateauschuhe und Arschgeweih – stilistisch waren die 90er ein ganz besonderes Jahrzehnt und aus heutiger Sicht auf jeden Fall Kult. Auch musikalisch trauern viele dieser Dekade nach, nicht umsonst erfreuen sich 90er-Partys ungebrochener Beliebtheit.

Doch auch in der Technologie waren die 90er stilprägend. Denn Computer wurden dank der sich durchsetzenden grafischen Bedienung für immer mehr Menschen verständlich und damit zu einem Haushaltsgegenstand. Einen entscheidenden Anteil daran hatte wohl Windows 95, die erste Windows-Version, die den Titel „Betriebssystem“ wirklich verdiente, musste man sich zuvor doch meist noch mit MS-DOS beschäftigen, ehe man unter älteren Versionen von Windows mit der Maus arbeiten durfte. Konsequenterweise versprach die Marketing-Abteilung von Microsoft zur Einführung des Systems im August 1995 nicht weniger als die PC-Revolution. Tatsächlich war Windows 95 die erste Version, die das heute – über 20 Jahre später – noch gängige Startmenü einführte, was Microsoft seinerzeit mit dem Song „Start Me Up“ der Rolling Stones untermalte.

Bislang war es gar nicht so einfach, das Retro-Gefühl von Windows 95 zuhause zu erleben. Denn mit neuer Hardware verträgt sich Microsofts System nicht. Prozessoren über 2,1 GHz oder Festplatten mit über 32 GB Kapazität werden schlicht abgelehnt. Und überhaupt will man ja nicht gleich umsteigen, aber mal gucken, wie das früher so war, das wäre doch toll.

Paint in Windows 95
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Windows 95 für Linux, macOS und Windows

Das dachte sich auch Felix Rieseberg. Der Deutsche leitet die Windows-Entwicklung des Unternehmens-Chat-Dienstes Slack und arbeitet auch an Electron mit, einem Projekt, dass Web-Apps plattformübergreifend zu Desktop-Apps macht – und so auch Windows 95 auf verschiedene Systeme bringt.

Wie Rieseberg dem Magazin Apfeltalk verriet – er war hier einst Chefredakteur – dauerte das ganze nur etwa sechs Stunden. Er brachte dazu den in JavaScript geschriebenen x86-Emulator v86 mit Electron zusammen und installierte in der virtuellen Maschine dann Windows 95 – natürlich ohne Genehmigung von Microsoft. Bislang drückt der Software-Konzern aus Redmond jedoch beide Augen zu.

Das Ergebnis ist ein etwa 150 MB großer Download, der nicht mal zwingend eine Installation benötigt. Einmal gestartet steht dem Retro-Spaß mit alten Versionen von Microsoft Paint, WordPad und den Spieleklassikern Solitär und MineSweeper nichts mehr im Wege. Einzig der mitgelieferte Internet Explorer – Version 3 – verweigert den Dienst und möchte keine Websites darstellen. Außerdem können Datenträger-Images geladen werden – so finden theoretisch andere Anwendungen den Weg auf den virtuellen Windows-95-PC.

Internet Explorer in Windows 95
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Wie das Betriebssystem in den Browser kam

Die äußerst beschränkten Möglichkeiten zeigen, dass Windows 95 im Jahr 2018 eher wenig praktischen Nutzen hat. Das beeindruckende an Riesebergs schlicht „Windows 95“ getauften Software ist allerdings auch nicht ihre Verwendbarkeit im Alltag. Auch das angenehm nostalgische Retro-Gefühl, dass sich beim Anblick der altertümlich anmutenden Benutzeroberfläche einstellt ist eben nur genau das. Der Moment in dem man sich fragt „Was, das geht?“ ist der, wenn man sich bewusst macht, dass der Kasten in dem gerade Windows 95 läuft, eigentlich ein Web-Browser ist. Sogar die Entwicklerwerkzeuge der zugrunde liegenden Chrome-Engine lassen sich aufrufen. Viel mehr als ein Aufruf des Emulator-Scripts findet sich dort freilich nicht, dennoch darf man durchaus beeindruckt sein, was man alles machen kann in dieser schönen neuen Welt.

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