Mobilfunkgipfel in Berlin Kein flächendeckendes LTE: Netzbetreiber erteilen Politik eine Absage

vom 12.07.2018, 15:49
Ein Sendemast in ländlicher Region
Bildquelle: Thorsten Neuhetzki / inside handy

Eigentlich ist die Mobilfunkversorgung in Deutschland schon gut – sagen die Netzbetreiber. Doch die Kunden und die Politik sehen das anders. Zu oft ärgern sie sich über Funklöcher, abgerissene Verbindungen oder langsames Internet. Bundesverkehrsminister und die Mobilfunkanbieter haben jetzt beim Mobilfunkgipfel in Berlin einen Plan gefasst, wie das Netz besser werden soll.

Ziel soll es sein, bis Ende 2020 99 Prozent der Haushalte mit Mobilfunk zu versorgen. Im Laufe des Jahres 2021 soll diese 99 Prozent-Marke sogar für jedes Bundesland einzeln gelten, so dass rechnerische Glättungen durch einfach zu versorgende Bundesländer wie Berlin, Hamburg und Bremen ausgeglichen werden.

Das bedeutet nach Angaben des Ministerium-Papieres, dass die Netzbetreiber "eine beispiellose Ausbauoffensive" starten werden. Jenseits der schon geltenden Versorgungsauflagen sollen sie mindestens 100 neue LTE-Sender in bisher unterversorgten Verkehrshotspots erreichen. Um den Flächenausbau zu realisieren, müssen demnach mindestens 1000 neue LTE-Sender in weißen Flecken errichtet werden. Darüber hinaus sollen auch in schon versorgten Gebieten neue Sender errichtet werden. Dabei nennt das Ministerium die Zahl von mindestens 10.000 LTE-Sendern. Zur Einordnung: Alle Netzbetreiber zusammen hatten Ende 2017 48.146 LTE-Basisstationen in Betrieb.

Voraussetzung für die Umsetzung der Pläne sei die Schaffung investitionsfreundlicher Rahmenbedingungen. "Wir begrüßen sehr, dass die Netzbetreiber unter der Voraussetzung investitionsfördernder Rahmenbedingungen in den kommenden Jahren eine weitere Ausbauoffensive starten wollen", sagt Achim Berg, Präsident des Bitkom. Doch der Mobilfunk in Deutschland sei schon heute besser als sein Ruf. Bereits 96 Prozent der Haushalte könnten heute LTE nutzen, bis Ende nächsten Jahres sei geplant, die Haushaltsabdeckung auf mindestens 98 Prozent zu steigern. Berg mahnte aber – unisono mit den Mobilfunknetzbetreibern – dass es jetzt unter anderem auf die richtige Ausgestaltung der Auflagen bei der Versteigerung von Mobilfunkfrequenzen ankomme. Bei der vergangenen Auktion seien fast 60 Milliarden Euro für Frequenznutzungen gezahlt worden, "das ist ein weltweiter Spitzenwert". "So wird der Mobilfunk für die deutschen Verbraucher unnötig verteuert, gleichzeitig werden den Netzbetreibern jene Investitionsmittel entzogen, die sie dringend brauchen“, so der Präsident des Verbandes.

Minister will Mobilfunk-Förderprogramm prüfen

Das Geld brauchen die Mobilfunkanbieter dringend. Nach Branchenexperten kostet ein Sendemast samt Technik etwa 150.000 bis 200.000 Euro. Das ist für Orte und Regionen, in denen nur wenige Kunden das Netz überhaupt nutzen, so viel Geld, dass es sich nach Angaben der Mobilfunker kaum zurückerwirtschaften lässt. Sie schielen auf Fördergelder vom Staat. Damit könnten sie Erfolg haben. Denn nach Darstellung von Telefónica Deutschland hat Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer beim Mobilfunkgipfel zugesagt, die Möglichkeit eines Förderprogramms für den Mobilfunk prüfen zu lassen.

Der Bitkom warnt weiter davor, die Frequenzen an eine flächendeckende Ausbauverpflichtung zu koppeln. Das sei wirtschaftlich mit den vergebenen 3,6-GHz-Frequenzen nicht möglich, da sie keine großen Reichweiten haben. "Im Durchschnitt müsste jeden Kilometer ein Sendemast aufgebaut, mit Glasfaser angeschlossen und mit Strom versorgt werden. Wir müssten einmal ganz Deutschland aufgraben, um die geforderte Flächendeckung herzustellen. Das ist schlicht nicht machbar und geht an den Realitäten des Mobilfunks vorbei."

Telefónica fordert in einem Statement die Bundesnetzagentur dazu auf, einen Prozess zu starten um Sicherhit bei den Nutzungsrechten für bereits bestehende Frequenzen zu haben. Die LTE-800-Frequenzen würden bereits 2025 auslaufen, seien aber essentiell wichtig, um langfristige flächendeckende Versorgungszusagen machen zu können.

Was bedeuten die Ergebnisse des Mobilfunkgipfels für die Kunden?

Die Ergebnisse des Mobilfunkgipfels sind zunächst einmal Absichtserklärungen, keine festgelegten Vereinbarungen. Es wurden jedoch Ziele definiert, die zumindest einem Teil der heute noch mit Mobilfunk unterversorgten Regionen Hoffnung machen kann, dass sich etwas ändert. Doch auch 2021 wird es voraussichtlich in Deutschland noch Haushalte geben, in denen es kein Mobilfunknetz gibt. Und es darf auch nicht vergessen werden, dass es nicht um eine Versorgung nach Flächenanteilen geht: Der große Wald jenseits jeglicher Verkehrswege und Siedlungen bleibt also immer noch ohne Netz und somit im Notfall beim Wandern auch ohne Notruf.



Quellen: Telefónica, Bitkom | Bildquelle kleines Bild: inside handy / Thorsten Neuhetzki | Autor: Thorsten Neuhetzki
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Themen dieser News: Mobilfunk-News, Mobiles Internet, Mobilfunktechnik, O2 / Base (Telefónica), Telekom, Vodafone

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