Werksbesuch Gigaset GS185: Erstes Smartphone “Made in Germany” ist nur die halbe Wahrheit

vom 13.07.2018, 16:40
Gigaset Produktion GS185
Bildquelle: Blasius Kawalkowski / inside handy

Ob Daimler oder BMW, ob Leica, Bosch oder Siemens - eines haben diese Unternehmen gemeinsam: sie produzieren in Deutschland. Ein Grund dafür: "Made in Germany" steht weltweit für höchste Qualität. Und genau dieses Siegel klebt nun auch Gigaset auf eines seiner Smartphones. Doch kann dieses Alleinstellungsmerkmal ein Verkaufsargument sein? Und was hat das Henne-Ei-Problem damit zu tun? inside handy hat sich mit diesen Fragen ins Werk nach Bocholt begeben.

Beim Betreten der Produktionshalle im Werk von Gigaset ist es frappant leise. Neonröhren, die von der etwa fünf Meter hohen Decke hängen, tauchen die Halle in kaltes Licht. Schaut man durch die breite Fensterfront an einer der Längsseiten, wandert der Blick über einen großen Teil der fast 100.000 m² Grundfläche, auf der Gigaset (einst Siemens) seit 1941 Telefone herstellt. Die Arbeiter stehen nicht am Fließband, tragen keine typische Arbeitskleidung eines Fabrikmalochers. Dennoch kann man sie leicht identifizieren - an grauen Polohemden mit orangenem Gigaset-Aufdruck auf dem Rücken.

So entsteht ein Smartphone "Made in Germany"

Konzentriert setzen die Feinmechaniker die einzelnen Bauteile zu einem Smartphone zusammen - zum Gigaset GS185. Es ist das erste Smartphone, das in Deutschland montiert wird. In Bocholt, dem westlichen Münsterland, wurde eigens dafür ein Stockwerk leer geräumt und mit smarten Robotern versehen. In der Produktionsstraße läuft es anders ab, als man es sich vielleicht vorstellt. Es herrscht eine angenehme Arbeitsatmosphäre, keine Fließbänder, jeder einzelne Mitarbeiter macht nicht jeden Tag acht Stunden lang immer wieder den gleichen Handgriff. Vielmehr arbeiten Mensch und Maschine unisolo. Der Roboterarm etwa greift Platinen, Displays oder Akkus, legt sie an einen vorgesehenen Platz und überlässt dann dem Arbeiter den Zusammenbau. Dieser verbindet postwendend feine Antennen mit filigranen Steckern mit ihren Pendants die auf Platinen gelötet sind - ein Job, der ein gewisses Geschick erfordert und vom Menschen deutlich schneller erledigt werden kann als vom Kollegen Roboter. Anschließend schubst der Mensch den Roboterarm an, damit er neue Teile zurecht legt.

Ein Mitarbeiter durchläuft mit einem Gerät mehrere Stationen der Produktionsstraße und setzt es nach und nach zusammen. Letztlich wird noch die Software aufgespielt und das Gerät getestet, beispielsweise in abgeschirmten LTE-Netzkammern, bevor es zur Verpackungsstation einige Meter weiter geht.

Gigaset GS185 im Qualitststest

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    Das Handy wird in die Hosentasche gesteckt und wieder herausgezogen - immer wieder.
    Bildquelle: Gigaset
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    Beanspruchung auf Biegung
    Bildquelle: Gigaset

Es ist dieses Arrangement aus Mensch und Roboter, das die Produktion in Deutschland von der in Asien unterscheidet. In Fabriken in Shenzhen schrauben Menschen Handys unter teils fragwürdigen Bedingungen für einen Hungerlohn zusammen. Mit der Digitalisierung der industriellen Produktion hingegen werde es in Zukunft aber keine Rolle mehr spielen, ob Geräte wie Smartphones hierzulande oder in Asien gefertigt werden, ist sich Andreas Merker, Chef der Smartphone-Sparte bei Gigaset, sicher. "Zwar würde die Produktion eines Smartphones gänzlich ohne Roboter funktionieren, jedoch nicht zu derart günstigen Preisen", ergänzt Jörg Wißing, Leiter der Automatisierungs-Abteilung des bocholter Unternehmens.

Gigaset Mensch-Roboter-Kooperation
Bildquelle: Gigaset

Hergestellt in Deutschland? Nicht ganz. Aber …

Gigaset ist stolz auf das Label "Made in Germany". So stolz, dass man es auf die Verpackung klebt, ins Smartphone-Gehäuse lasert und in Online-Shops wie Amazon neben einem anderen typisch deutschen Zeitgenossen ins Bild setzt: dem Gartenzwerg. Doch ist das Gerät wirklich zu 100 Prozent in einer Stadt nahe der holländischen Grenze entstanden? Nicht ganz. Denn die Teile kommen nach wie vor von Zulieferbetrieben in Asien. Fertig gelötete Platinen, Akkus und Gehäuse werden nach Bocholt geschifft, um hier dann zusammengebaut zu werden. Darüber hinaus werden in Deutschland die Verpackung aus Wellpappe sowie die Anleitungen für das GS185 hergestellt und gedruckt - alles nachhaltig und umweltfreundlich, versichert man im Gespräch mit inside handy. Gegenüber der Produktion in Asien werden eigenen Angaben zufolge rund 90 Prozent Papier eingespart. Zudem werde das Smartphone in Deutschland entworfen, an die Anforderungen der Netzbetreiber angepasst und mit Software bespielt. Letzteres hat den Vorteil, dass kurz vor der Auslieferung die neueste Android-Version installiert werden kann. "Bei Geräten aus Asien, die mehrere Wochen in Containerschiffen auf dem Meer verbringen, ist die Software bei Auslieferung bereits veraltet", erklärt Wißing.

Gigaset GS185 neben Gartenzwerg
Bildquelle: Gigaset

Gigaset und das Henne-Ei-Problem

Entwicklung, Zusammenbau, Verpackung: Eigenen Angaben zufolge finden so 60 Prozent der Wertschöpfung in Deutschland statt. Warum nicht 100 Prozent werden Kritiker fragen. Die Antwort darauf ist relativ einfach: In Europa, geschweige denn in Deutschland, gibt es keinen produzierenden Zulieferer. Zwar könnte Gigaset - ähnlich wie bei seinen DECT-Telefonen - von der Platine bis zum Gehäuse alles selbst in die Hand nehmen. Dafür fehlen jedoch einerseits Kapazitäten. Andererseits ist die Nachfrage noch nicht exorbitant hoch. Im Gegenteil: Gigaset hat rund 10.000 seiner GS-Modelle, die dieses Jahr vorgestellt wurden, unters Volk gebracht.

Jedoch legt Gigaset den Grundstein für Smartphones "Made in Germany" und ist dabei das Huhn im Henne-Ei-Problem. Weitere deutsche Unternehmen wie der Chip-Hersteller Infineon (früher ebenfalls Siemens) oder der fränkische Batteriehersteller BMZ könnten nachziehen und dank Automatisierung ein Smartphone zu 100 Prozent aus Deutschland auf den Weg bringen. Huawei arbeitet bereits mit dem deutschen Kamerahersteller Leica zusammen. Das zeigt, dass es funktionieren kann.

Gigaset GS185 - Hands-On

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    Bilder des Gigaset GS185 während des Tests von inside handy
    Bildquelle: Michael Büttner / inside handy
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    Bilder des Gigaset GS185 während des Tests von inside handy
    Bildquelle: Michael Büttner / inside handy

Zweites Standbein wird zur Zukunftsstrategie

"Doch "Made in Germany" soll nicht allein im Vordergrund stehen", sagt Merker. Es sind auch Punkte wie eine verbesserte Nachhaltigkeit, eine Optimierung der Logistik sowie die Sicherung von Arbeitsplätzen. Man hat das Gefühl, dass insbesondere letztgenanntes im Fokus steht. Denn das Kerngeschäft der Schnurlostelefone sinkt pro Jahr um sieben bis acht Prozent. Mit der Produktion in Deutschland will man also Arbeitsplätze erhalten, vielleicht später erst neue schaffen.

Zuletzt nahm Gigaset einen Kredit in zweistelliger Millionenhöhe auf - und das obwohl der Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen im vergangenen Jahr bei rund 25 Millionen Euro lag. "Wir wollen das Geld in innovative Projekte investieren", erklärt Merker. Dazu gehören neben der Smartphone-Produktion, die 2017 für einen Umsatz von etwa 20 Millionen Euro sorgte, insbesondere die Bereiche Smart Home und Smart Care. Die Strategie 2020 lautet dementsprechend: Neue Geschäftsmodelle erschließen und auf Automatisierung konzentrieren - auch im Bereich der Schnurlostelefone.

Wortkarg gibt sich Gigaset, wenn es um Fragen zu einem kommenden Smartphone geht. Es ist jedoch vorstellbar, dass ein weiteres in Deutschland gefertigtes Gerät bereits Ende August im Rahmen der IFA in Berlin präsentiert wird. Eine zweite Produktionslinie, die sich gerade im Aufbau befindet, deutet jedenfalls darauf hin.

Schneller Service

Bis dahin will Gigaset mit Service punkten. Wer ein GS185 kauft und ein Problem mit dem Smartphone hat, kann es einschicken. Nicht nach China, sondern nach Bocholt. Kurze Wege sorgen so für eine schnelle Bearbeitung. "Rund 80 Prozent aller Geräte, die bei uns in der Service-Werkstatt ankommen, verlassen sie nch am gleichen Tag und gehen zurück zum Kunden", sagt Merker.

Die Zielgruppe: Alle

Bleibt die Frage, wer statt einem Galaxy-Modell oder iPhone ein Gigaset GS185 über den Scanner an der Kasse ziehen lässt. Das Smartphone ist mit rund 180 Euro nicht besonders teuer, bietet aber auch keine überragende Ausstattung. Zu den Highlights gehört der 4.000-mAh-Akku sowie das Display-Format, das das aktuell angesagte Verhältnis von 18:9 besitzt. Die Auflösung liegt aber nur auf HD-Niveau, der Speicher ist mit 16 GB nicht wirklich üppig bemessen; ein 2 GB großer Arbeitsspeicher wirkt antiquiert.

Chinesische Konkurrenten wie Huawei oder Xiaomi liefern deutlich besser ausgestattete Handys zu einem ähnlichen Preis. Doch Gigastes Smartphone-Chef geht es nicht um Triple-Kameras, Hochleistungs-Prozessoren oder ultrahoch auflösende Displays. "Wir wollen die breite Zielgruppe ansprechen, keine Gamer", sagt Merker. Ob Fotos schießen, per WhatsApp chatten oder im Internet surfen: Für die allermeisten Nutzer reiche Merker zufolge die Ausstattung eines GS185 vollkommen aus. "Wir wollen ein Smartphone herstellen, das funktioniert, das alles im Alltag kann und das zu einem guten Preis", ergänzt Merker.

Gigaset GS185 individualisiert
Bildquelle: Blasius Kawalkowski / inside handy

Darüber hinaus lässt sich das Smartphone personalisieren. So können Unternehmen ihre IT entlasten und Gigaset die Installation verschiedener Apps überlassen oder den Namen der Firma oder des Mitarbeiters auf die Gehäuserückseite des GS185 lasern lassen - und natürlich ist auch das "Made in Germany".



Bildquelle kleines Bild: Gigaset | Autor: Blasius Kawalkowski
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Themen dieser News: Gigaset, Handys unter 200 Euro, Smartphones, Unternehmen und Märkte

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