"Telekom bei Glasfaserkooperationen völlig unglaubwürdig"

5 Minuten
Glasfaser-Speedpipes für schnelles Internet
Bildquelle: BBV
Der Glasfaser-Ausbau in Deutschland ist nicht von einem Unternehmen alleine zu stemmen - das hat auch Telekom-Chef Tim Höttges zuletzt mehrfach betont. Doch gleichzeitig sei die Telekom "völlig unglaubwürdig" und "tritt die Kooperation der Willigen mit Füßen", wettert jetzt ein Wettbewerber, dessen FTTH-Ausbau von der Telekom offenbar torpediert wird. Doch die Telekom wehrt sich.

Mit scharfen Worten richtet sich der Glasfaser-Anbieter BBV Deutschland in einer Pressemitteilung an die Öffentlichkeit. Die „Realität des Tagesgeschäfts beweist die Unglaubwürdigkeit des Unternehmens und seines CEOs“, so die BBV. Es geht dabei um den Ort Bretten in Baden. BBV baut dort nach eigenen Angaben seit dem Sommer 2017 ein komplett privatwirtschaftlich finanziertes FTTH/B Glasfasernetz bis in die Haushalte auf. Diese Woche hat die Deutsche Telekom angekündigt, ebenfalls in Bretten in ihr Netz zu investieren.

Vorwurf: Telekom baut „ohne Rücksicht auf Verluste und sinnfrei“

Statt FTTB und FTTH, also dem Glasfaserkabel bis in die Haushalte, investiert die Telekom jedoch in VDSL Vectoring, womit sie ab Anfang kommenden Jahres 11.000 Kunden mit 100 MBit/s im Downstream versorgen will. Mit Supervectoring sollen später sogar 250 MBit/s möglich werden. BBV wettert, die Telekom habe „jahrelang beim Breitbandausbau einen riesengroßen Bogen um die Stadt“ gemacht. Dabei werde die flächendeckende Glasfaserinfrastrukturen des größten Teils einer Stadt mit der nicht mehr zeitgemäßen Vectoring-Technik überbaut.

„Es ist sehr schade, dass die Telekom und ihr CEO nicht zu ihrer angekündigten Kooperationswilligkeit stehen“, zeigte sich BBV-Deutschland-Chef Manfred Maschek mehr als erstaunt über die Ankündigung der Telekom. Bretten sei mehr als ein Kollateralschaden, es sei der Beweis der eigenen Unglaubwürdigkeit im Einsatz für Regulierungsfreiheit und den kooperativen Glasfaserausbau. „Wer sich künftig mit der Telekom ins Bett legen möchte, sollte sich die Braut und deren Verhalten sehr genau anschauen“, so Maschek. Auch im weiteren Statement fallen scharfe Worte: In Zeiten, in denen die neue Bundesregierung zu 100 Prozent auf die Glasfaser setze, versuche die Telekom „mit ihrer nicht mehr zukunftsfähigen Vectoring-Technik ohne Rücksicht auf Verluste und sinnfrei möglichst rasch noch viele Wettbewerber entgegen aller wirtschaftlicher Vernunft aus dem Markt zu drängen.“

BBV hat 70 Prozent der Haushalte in fünf Stadtteilen erschlossen

BBV hat nach eigenen Angaben die fünf Stadtteile Ruit und Sprantal, Diedelsheim, Gölshausen und Rinklingen flächendeckend erschlossen bzw. steht kurz vor dem Abschluss. Teilweise über 70 Prozent der Haushalte in den Stadteilen nutzen die Glasfaser bzw. kommen in den kommenden Wochen hinzu, teilte das Unternehmen auf Anfrage von inside handy mit. Der Ausbau der Kernstadt wurde Anfang Juni angekündigt und läuft demnächst an. Insgesamt geht es dabei um rund 3.500 Vertragskunden, wobei immer mehr durch den Glasfaserausbau hinzukommen. Die Investitionen in Höhe von rund 15 Millionen Euro werden von dem Unternehmen mit dem Partner Primevest Capital Partners komplett privatwirtschaftlich finanziert.

„Unsere Philosophie ist Open Access“, heißt es von BBV, man wolle die Mitnutzung der Netzinfrastruktur durch andere Anbieter erreichen, da diese für alle Beteiligten wirtschaftlich sehr viel Sinn mache. „Doch entgegen den Höttges-Ankündigungen für Kooperationen mit bestehenden Netzen scheint es bei der Telekom noch nicht einmal eine ernsthafte Whole-Buy-Strategie zu geben.“ Doch Gespräche zwischen Telekom und BBV habe es nicht gegeben, obwohl der Telekom bewusst sei, dass es eine flächendeckende Glasfaserinfrastruktur gibt, wie ein Sprecher des Unternehmens gegenüber inside handy mitteilte.

Telekom verweist auf zahlreiche Kooperationen

Doch die Telekom wehrt sich gegen die pauschale Verurteilung der BBV. Auf Anfrage der Redaktion von inside handy teilte die Telekom mit, man  habe gerade erst eine Kooperation mit der Thüringer Netkom bekanntgegeben. Insgesamt 200.000 Haushalte könnten künftig bei der Telekom VDSL-Vectoring-Leitungen mit bis zu 100 MBit/s buchen, die diese aber über die Thüringer Netkom realisiert. Der regionale Anbieter hat den Ausbau bereits vollzogen. „Die Zusammenarbeit mit der Thüringer Netkom bringt unseren Kunden noch mehr Highspeed im Internet. Gleichzeitig profitieren die regionalen Netzbetreiber, weil ihre Infrastruktur besser ausgelastet wird“, sagt Johannes Pruchnow, bei der Telekom zuständig für Breitband-Kooperationen. Ähnliche Kooperationen hat die Telekom zuvor bereits abgeschlossen: Darunter R-KOM, SÜC // dacor, SWU Telenet, Stadtnetz Bamberg, Telepark Passau, NetCologne, innogy TelNet und EWE. „Da der weitere Glasfaserausbau nur gemeinsam gelingt, wird die Telekom mit Wettbewerbern weiterhin kooperieren“, heißt es in einer Mitteilung des Unternehmens.

Auffällig bei diesen genannten Kooperationen: Es handelt sich stets um Kooperationen im Bereich von VDSL-Anschlüssen, nicht bei FTTH- und FTTB-Leitungen. Warum eine Kooperation in Bretten nicht zustande kam, wollte oder konnte die Telekom im konkreten Fall nicht beantworten. In einer Stellungnahme gegenüber inside handy hieß es lediglich allgemein: „Wir halten die Vorwürfe für haltlos. Wir haben für unseren bundesweit ständig laufenden Netzausbau eine langfristige und klare eigene Strategie, nicht getrieben von anderen. Die Deutsche Telekom befürwortet ausdrücklich Kooperationen beim Breitbandausbau, wie unsere gestern bekannt gemachte Zusammenarbeit mit der Thüringer Netkom einmal mehr beweist. Das heißt aber nicht, dass wir unseren eigenfinanzierten Netzausbau aussetzen. Wir investieren mit mehr als fünf Milliarden Euro mehr als alle anderen Unternehmen in diesem Bereich.“

Deine Technik. Deine Meinung.

Und was sagst du?

Bitte gib Dein Kommentar ein!
Bitte gibt deinen Namen hier ein

VERWANDTE ARTIKEL