Motorola will europäischen Markt mit neuer Mittelklasse infiltrieren

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Motorola Logo auf Präsentationsbühne in Sao Paulo
Bildquelle: inside-handy.de / Hayo Lücke
Wer an Motorola denkt, denkt an die USA. Dort wurde das Unternehmen 1928 gegründet. Seitdem ist viel passiert. Nach der Aufspaltung in die Sparten Solutions und Mobility im Jahr 2011, war zwischenzeitlich Google Eigentümer der Marke, inzwischen gehört sie Lenovo. inside handy hat Motorola besucht – jedoch weder in den USA noch in China, der Heimat von Lenovo, sondern in Brasilien, einem weiteren wichtigen Standort der traditionsreichen Marke.

Herrlichstes Spätsommerwetter war auf der Südhalbkugel angesagt, als Motorola in der vergangenen Woche in Sao Paulo seine neue G6-Familie vorstellte. Abgehalten wurde die Vorstellung in Form einer inzwischen fast schon standesgemäßen Keynote mitten in einer alten, aufgemöbelten und in bunte Lichter getauchten Industrie-Halle. Und kein Geringerer als Sergio Buniac, der neue Chef von Motorola, hatte die Ehre, die drei neuen Smartphones Motorola Moto G6, Moto G6 Plus und Moto G6 Play der Weltöffentlichkeit zu präsentieren. Dass er es sich nicht nehmen ließ, selbst das Wort zu ergreifen, ist fast schon selbstverständlich. Denn die G6-Familie stellt für das Unternehmen „das wichtigste Franchise in unserem Portfolio“ dar, wie der Manager im Anschluss an die Keynote vor ausgewählten europäischen Medienvertretern in einer Frage-Antwort-Runde erklärte.

Brasilien ist für Motorola ein extrem wichtiger Markt

Dort wurde auch verraten, warum sich Motorola dazu entschied, seine neuesten Smartphones im fernen Südamerika vorzustellen: In Brasilien besitzt das Unternehmen einen beachtlichen Marktanteil von rund 30 Prozent. Mehr noch: Sämtliche Smartphones, die für den brasilianischen Markt benötigt werden, produziert Motorola seit 1996 in zwei eigenen Werken. Eines knapp 200 Kilometer vor den Toren Sao Paulos, wo 80 Prozent der benötigten Geräte hergestellt werden, das Andere mitten im brasilianischen Regenwald in einer kleineren Fertigungsstätte in Manaus. Gerade das Werk nahe Sao Paulo ist logistisch gut gelegen. Autobahnen, ein Cargo-Flughafen und auch ein großer See-Hafen sind nur drei Beispiele für die Ansiedlung in Jaguariuna. Auch die örtliche Nähe zu Universitäten spielte eine Rolle, als man sich bei Motorola entschied, dass 800.000 Quadratmeter große Areal zu errichten. Nachwuchskräfte direkt vor Ort gewinnen zu können, lautete das Ziel.

Motorola Werk Sao Paulo
Das Motorola-Werk vor den Toren von Sao Paulo in Brasilien. Bildquelle: inside-handy.de / Hayo Lücke

Doch bei aller Euphorie: Nicht nur in Südamerika soll Geld verdient werden, auch für Europa ist die neue G6-Familie wichtig. Alles ist dort in den zurückliegenden Monaten aber nicht rund gelaufen, stellte Motorolas Europa-Chef Antony Barounas in Sao Paulo fest: „Wir sind in Europa zuletzt ordentlich gewachsen. Würde man mir aber die Frage stellen, ob wir stark genug gewachsen sind, müsste ich diese Frage mit einem klaren ‚Nein‘ beantworten.“ Zwar habe man im vergangenen Jahr in Europa um 50 Prozent zugelegt, doch das reicht dem ehrgeizigen Griechen nicht. Deswegen bezeichnet er das neue Moto G6 in internen Strategie-Gesprächen auch gerne als „trojananisches Pferd“. Der Mythologie entsprechend soll das neue Smartphone auf den Markt geschoben werden und diesen dann sinnbildlich von innen heraus erobern. Ganz so, wie es die griechischen Soldaten der Sage nach einst mit Troja taten.

Es gibt also Gründe genug, mit der neuen G6-Familie anzugreifen. Im hart umkämpften Segment der Smartphones zwischen 150 und 300 Euro verfolgt Motorola ein klares Ziel: „Im Jahr 2018 wollen wir uns in Europa in diesem Preissegment einen Marktanteil von mindestens 10 Prozent erarbeiten“, sagt Barounas. Es müsse gelingen, dass bei Smartphones bis zu einem Preis von 300 Euro immer auch der Name Motorola in Verkaufsgesprächen falle. Dabei spiele es keine Rolle ob diese Gespräche in traditionellen Mobilfunkshops bei der Telekom, Vodafone oder O2 oder in großen Elektronik-Märkten wie Media Markt oder Saturn geführt würden. Motorola müsse stärker in das Bewusstsein von Kunden und Verkäufern rücken.

Motorola-Chef hat keine Angst vor Xiaomi

Dass auch andere Spieler wie Xiaomi in Europa neu angreifen könnten, schreckt Motorola-Chef Buniac nicht ab. Er habe keine Angst vor einem neuen Wettbewerber, so der Manager. „Wir arbeiten in einem sehr dynamischen Markt. Wenn zwei Marktteilnehmer sterben, kommen in aller Regel zwei neue hinzu. Wettbewerb durch ein Unternehmen wie Xiaomi kann auch uns und unsere Entwicklungen beflügeln.“

Das Ziel von Motorola ist also klar. Nicht mit Premium-Smartphones möchte das Unternehmen in diesem Jahr Marktanteile gewinnen, sondern mit der stark nachgefragten Mittelklasse. Jan Huckfeldt, der deutsche Marketing-Chef von Motorola, sagt: „Die neue G6-Familie ist ein echter Umsatzbringer, es sind Smartphones mit einem richtig guten Preis-Leistungs-Verhältnis. Unser klares Ziel ist es, Flaggschiff-Funktionen zu einem starken Preis anzubieten.“ Das hat im Übrigen auch zur Folge, dass in Europa eine Geräte-Kategorie in Zukunft wegfallen wird. Die unterhalb der G-Familie angesiedelte C-Reihe, günstiger und technisch schwächer ausgestattet, wird es hierzulande nicht länger mit neuen Geräten geben.

Motorola-Manager in Sao Paulo
Frage-Antwort-Runde mit Motorola-Managern in Sao Paulo. Bildquelle: inside-handy.de / Hayo Lücke

Und auch um die Moto-X-Reihe ist es nicht gerade rosig bestellt. In Sao Paulo wurde deutlich gemacht, dass sie nur dann noch einmal mit einem neuen Smartphone bedacht werden soll, wenn eine Markteinführung mit passenden, neuen Komponenten auch wirklich Sinn ergibt. Heißt im Klartext: Ohne neue Innovationen kein neues Moto X. Hier ist Motorola wohl auch selbst gefragt, in den eigenen Forschungs-Abteilungen für ein neues Wow-Erlebnis zu sorgen.

Neues Moto X nur mit innovativen Funktionen

Wichtig ist Motorola nach eigenen Angaben auch, dass Smartphones nicht mehr als reine Profitbringer entwickelt werden, sondern auch für die Nutzer entscheidenden Mehrwert liefern. Deswegen stehen die neuen Geräte auch unter dem Motto „HelloYou“. Es bringt Motorola nach eigenen Angaben nicht voran, einfach das Denken und Tun anderer Premium-Hersteller zu kopieren. Mutig und forsch im Sinne eines Start-Ups aufzutreten, so möchte Motorola in Zukunft wahrgenommen werden. Der Anfang ist mit der stark verarbeiteten G6-Familie gemacht.

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