HTC ist tot, es lebe HTC!

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Googleplex, der Hauptsitz von Google in Mountain View, Kalifornien, USA
Bildquelle: Google
HTC verkauft für 1,1 Milliarden Dollar einen Teil seiner Smartphone-Sparte an Google. Eine Entwicklung, die abzusehen war, nachdem es für das taiwanische Unternehmen zuletzt finanziell überhaupt nicht mehr rund lief. Das Ende von HTC ist damit aber noch lange nicht gekommen. Und das ist auch gut so, findet Chefredakteur Hayo Lücke. Ein Kommentar.

Warum zum Teufel kauft keiner unsere Smartphones? Diese Frage dürften sich führende HTC-Manager in den zurückliegenden Jahren immer wieder gestellt haben. Denn egal ob es um das HTC U11, das HTC 10 oder das HTC One M9 ging, die Geräte lagen oft eher wie Blei in den Regalen statt für Herzchen in den Augen bei der Kundschaft zu sorgen. Und das, obwohl die Test-Kritiken in der Fachpresse fast durch die Bank positiv ausfielen – auch hier bei inside-handy.de.

Trotzdem ist es HTC anders als Samsung oder Huawei zuletzt nicht gelungen, die breite Masse bei der potenziellen Kundschaft zu begeistern. Und das ist offen gesprochen doch sehr überraschend. Denn blickt man auf die technische Ausstattung der Geräte und auf die zum Teil großartigen Design-Spiele, die HTC bei seinen Smartphones immer wieder ausprobiert – exemplarisch sei an dieser Stelle das besprenkelte HTC Desire 825 genannt – hätte der Hersteller eigentlich viel mehr Erfolg verdient gehabt. Das interessierte aber die Käufer nicht. Sie straften HTC über Jahre hinweg immer wieder mit Nichtbeachtung, obwohl es doch im Jahr 2008 ausgerechnet der taiwanische Hersteller war, der mit dem G1 (auch bekannt als HTC Dream) das erste Android-Smartphone überhaupt vorstellte.

Google-Milliarden bedeuten nicht das Aus für HTC

Nun also der Schulterschluss mit Google, dem größten Partner, den HTC jemals hatte. Dieser Schritt ist logisch, denn HTC baute für Google in der Vergangenheit schon mehrere Smartphones und auch eines der beiden ab Anfang Oktober neu erwarteten Pixel-2-Modelle soll wieder von HTC stammen. Diejenigen, die es entwickelt haben, sollen nun Google selbst dabei helfen, auch in Zukunft eigene, attraktive Smartphones zu bauen. Es ist also davon auszugehen, dass wir in Zukunft von Google selbst entwickelte und gebaute Smartphones sehen. Partner wie HTC, LG oder Huawei sind dann nicht mehr notwendig. Wichtig ist aber auch: Das komplette Aus der Marke HTC ist damit keinesfalls besiegelt, denn auch in Zukunft will HTC selbst neue Smartphones entwickeln und bauen. Und das ist gut so, denn eine bunte Vielfalt am Smartphone-Markt ist wichtig und erstrebenswert.

Spannend ist in diesem Zusammenhang aber auch, dass Google zum zweiten Mal versucht, das so delikate Mobilfunk-Bonbon für sich schmackhaft zu machen. Schon die Marke Motorola gehörte im Jahr 2012 plötzlich zu Google, ehe keine zwei Jahre später ein Weiterverkauf an Lenovo erfolgte. Finanziell lohnte sich das nicht. Denn während Google für den Kauf 12,5 Milliarden Dollar in die Hand nahm, kamen beim Verkauf nicht einmal 3 Milliarden Dollar zusammen. Ein finanzielles Desaster? Nicht doch! Google behielt on top eine noch viel wichtigere Währung für sich: Zahlreiche wertvolle Mobilfunk-Patente von Motorola blieben seinerzeit das Eigentum des Suchmaschinen-Konzerns.

Gedankenspiele, in denen befürchtet wird, HTC könnte nun vom Smartphone-Markt verschwinden, sind unbegründet. Denn weder hat Google eine Komplettübernahme von HTC gestemmt, noch darf Google die aufgekauften Patente exklusiv verwenden. Das sind wichtige Faktoren, die bei einer Analyse nicht vernachlässigt werden dürfen. Das Zusammenspiel zwischen Google und HTC dürfte sich aber unter anderem auch für Apple als interessant erweisen. Denn Google ist mit dem jetzt zugekauften Team an HTC-Mitarbeitern und zusätzlichen Patenten in der Lage, seine Software (Android) noch besser auf die eigene Hardware (Pixel 2, Pixel 3 etc.) abzustimmen. Inwiefern aber ein wirklich schlagkräftiger Gegner entstehen kann, der es mit Apple aufnimmt, ist völlig offen. Denn anders als Apple besitzt weder HTC noch Google eine derart frenetische Fanbase wie Apple, die bei Neuvorstellungen nur darauf wartet, bei Online-Händlern den Bestell-Button drücken zu dürfen.

HTC lebt weiter – vorerst

Doch selbst wenn HTC als Smartphone-Marke jetzt erst einmal mit einer kräftigen Finanzspritze weiterleben kann, steht die Zukunft irgendwie doch in den Sternen. Vor allem die Tatsache, dass HTC am weltweiten Smartphone-Markt nur noch auf einen Marktanteil von weniger als 1 Prozent kommt – zum Vergleich: 2011 waren es immerhin noch knapp 10 Prozent – könnte langfristig eben doch bedeuten, dass die Marke komplett verschwindet. Bei aller Mobilfunk-Historie werden es Investoren nicht zulassen, das Geld verbrannt wird bis zum Abwinken. Zwar ist keinesfalls gesichert, dass bei HTC langfristig gesehen die Lichter ausgehen, aber es ist eben doch ein Szenario, mit dem man sich beschäftigen muss.

Klar ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt eigentlich nur, dass auf dem internationalen Smartphone-Markt so ziemlich alles herrscht, aber sicher kein Stillstand. Mit 5G steht der nächste Mobilfunk-Standard schon vor der Tür und man darf gespannt sein, inwiefern Google und HTC diese zukunftsträchtige Technologie bei neuen (Pixel-)Smarphones voranbringen werden. Warten wir’s ab.

Kommentar: Smartphones müssen bezahlbar bleiben!

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