Poké-Pro und Poké-Contra im Duell

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Pokemon Go
Bildquelle: Michael Büttner / inside-handy.de
Pokémon GO spaltet Familien, Freundeskreise und auch die Redaktion von inside-handy.de. Während die eine Hälfte fassungslos den Kopf schüttelt, spielt die andere Hälfte gerne mit und jagt Pikachu und Co. durch die Stadt. Zeit für einen Showdown der Argumente: Pokéschrott oder Pokétastisch – inside-handy.de nimmt Pokemon GO ins Kreuzverhör.

Poké-Pro: Was spricht für Pokémon?

Michael Büttner, Redakteur bei inside-handy.de, bezieht in seinem Teil dieses Kommentars Stellung für die Fans und Freunde von Pokémon GO:

Pokémon GO – Neue Technik, altes Leid

Die Kindheitserinnerungen von Mittzwanzigern und der Trend zur japanischen Manga- und Anime-Kultur soll hier mal außen vor bleiben. Beides sind romantische Weltsichten, die dem kritischen Deutschen natürlich völlig fremd sind und daher nichts in einer Diskussion um ein Handyspiel zu suchen haben.

Nun gut. Was bleibt dann noch übrig von Pokémon GO? Ein Zeitvertreib von Menschen einiger Altersklassen – man ist als aktiver Spieler erstaunt, wer einen alles anspricht, während man sich am Rheinufer die Entspannung vom Tag gönnt und dabei das eine oder andere Pokémon fängt. Neben den unterschiedlichen Altersstufen zeigt sich auch, dass es keine Abgrenzung der Geschlechter oder Altersgruppen, der religiösen Überzeugung, des Migrationshintergrundes oder auch der Hautfarbe, der sexuellen Ausrichtung, des Gesellschaftsstands oder des monetären Einkommens der Spieler gibt. Man redet über Bisasam und Quapsel, egal wer, jeder mit jedem. Multikulti, wenn man so will. Für manche ein riesiges Problem also.

Kinder, die sich im KZ von Autos überfahren lassen?

Doch woher kommt der Aufschrei, woher stammen die Warnungen? Was soll so gefährlich an einem Handyspiel sein, dass sich ADAC, Verbraucherschützer und Meinungsführer zu Warnhinweisen, Abmahnungen und Negativschlagzeilen genötigt sehen? Ja, es war falsch, dass die App zum Start einen Vollzugriff auf das Google-Konto gefordert hat. Dieses Problem wurde umgehend behoben. Ja, es ist falsch, dass Pokéstops auf KZ-Gedenkstätten existieren. Betroffene Organisatoren, sowie jeder normale Bürger mit einem Internetanschluss können jedoch Pokéstops entfernen lassen. Man muss nur wollen. Und ja, es ist gefährlich auf der Monsterjagd unaufmerksam durch den Straßenverkehr zu gehen, mit dem Auto auf der Autobahn anzuhalten oder mit dem Fahrrad ohne Vorwarnung die Straßenseite zu wechseln. Solche Phänomene gab es jedoch auch, als die ersten Navigationsgeräte an die Scheiben von LKW und PKW geklebt wurden. Die Fahrer haben sich daran gewöhnt und es trat die Einsicht ein, dass das Navi nicht immer recht hat und man die Augen offen halten muss.

Damit dürften die Argumente der Stammtisch-Schreier und Internet-Troll-Proleten noch nicht abgedeckt sein – Deren Fantasie, welche Probleme noch von umherspatzierenden Menschen ausgehen, scheint unergründlich. Es gibt beileibe wichtigere Probleme als Jugendliche, die sich an öffentlichen Plätzen treffen, um miteinander digitale Taschenmonster zu fangen. Apropos sind sich die digital natives in Deutschland, zumindest die zwischen 14 und 17 Jahren, laut Sinus-Studie 2016 den Gefahren und Risiken der Digitalisierung sehr bewusst und wollen sich auch nicht in Subkulturen von der Gesellschaft abkapseln wie fast alle Nachkriegsgenerationen vorher. Die nicht mehr zu erreichende digitale Jugend, die sich im Internet versteckt, gibt es also nicht. Kritiker sollten also keine Angst haben von der neuen Generation digital abgehängt zu werden, nur weil sie ein Spiel spielen, das manch einer der Grantler nicht versteht.

Skandal! Skandal! Skandal!

Die künstlich aufgeputschten Skandale rund um das Spiel Pokémon GO sind reflexartige Reaktionen gegen Neues und Unbekanntes. Das geht in islamisch geprägten Staaten zum Teil mit einem Verbot des Spiels einher. Soweit wollen Kritiker in Deutschland nicht gehen; jedoch wird, wie schon so oft, erst vor einer neuen Technologie gewarnt, bevor sie einerseits wirklich verstanden wird und andererseits die Chancen erkannt werden. Dafür kann man im Laufe der Technik-Geschichte der Menschheit den ganz großen Bogen spannen: Die Lokomotive galt als viel zu schnell, als dass es der menschliche Körper auf Dauer aushalten würde; das Internet hat die Menschen nicht völlig verblödet und die Handystrahlen haben Smartphone-Besitzer nicht massenhaft impotent gemacht.

Mit Pokémon Go wird die Technologie Augmented Reality erstmals breiten Nutzergruppen zur Verfügung gestellt und jeder hat kostenlosen Einblick in dieses spannende neue Feld – sogar meist ohne neue Hardware oder teure Anschaffungen. Das alles wurde in ein Spiel verpackt, das Jugendliche, Heranwachsende und auch viele Erwachsene dazu animiert sich in frischer Luft zu bewegen und ab und an miteinander zu kommunizieren – Wo also liegt das Problem?

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Poké-Contra: Was spricht gegen Pokémon?

Christian Koch, Chefredakteur von inside-handy.de hat eine ganz andere Meinung. Er argumentiert in seinem Teil des Kommentars gegen Pokémon GO:

Die digitale Schnitzeljagd

Pokémon GO ist unter anderem erfolgreich, weil es auf ein bekanntes und vertrautes Konzept setzt: Wer in seiner Kindheit Eltern hatte, die sich bei der Gestaltung von Kindergeburtstagen Mühe gegeben haben, wird um die eine oder andere Schnitzeljagd nicht herumgekommen sein. Auch Pfadfinder oder Soldaten kennen den Orientierungslauf oder Orientierungsmarsch im Gelände. Schnelle Belohnung durch das Erreichen von Wegpunkten und ein simples Spielprinzip – auf diese Mischung setzen auch die Macher von Pokémon GO mit einigem Erfolg.

Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass die Jagd auf Pokémons ein sozialeres und körperlich aktiveres Spiel ist als Online-Poker oder stundenlanges Konsolenspiel. Trotz dieser positiven Aspekte hat Pokémon GO aber drei große Nachteile: Die körperliche Aktivität hält sich in Grenzen, der Weg zum Erfolg ist einfach und das Spiel ist im Kern auf Einzelkämpfer und nicht auf Kooperation ausgelegt.

Pokémon GO: Bequem und simpel

Um bei Pokémon GO erfolgreich zu sein, kann man sich gezielt bewegen, muss es aber nicht. Pokéstops und Arenen erreicht man auch auf dem Weg zu Arbeit, Uni oder Schule als Mitnahmeeffekt und für das Ausbrüten von Eiern gibt es auch Alternativen zum 5-Kilometer-Waldspaziergang. Wer eine Hütte im Wald baut oder sich mit Freunden zum Fußball im Park verabredet, ist deutlich aktiver. Wer beim Hüttebauen oder Fußballspielen die Technik vermisst: Mit dem Spiel „Zombies, Run!“ (verfügbar für iOS und Android) mischt man ein Computerspiel mit echtem Sport:

Die Belohnung für Spieler ist hingegen bei Pokémon GO reichlich simpel zu erreichen: Man fängt mit einem Wisch über den Bildschirm Pokémon ein und lässt diese in Arenen gegeneinander antreten. Das Einsammeln von Gegenständen an Pokéstops ist sogar noch trivialer. Dass ein Spiel simpel ist, spricht nicht zwingend gegen seinen Erfolg. Klassiker wie „Mensch ärgere dich nicht“ oder „Mau Mau“ sind vielleicht gerade deshalb so erfolgreich, weil jeder ohne große Regelkunde mitspielen kann. Für ambitionierte Spieler dürfte Pokémon GO jedoch schnell seinen Reiz verlieren, denn das Spielprinzip ist wiederkehrend und langweilig.

Mehr Herausforderungen und ein ähnliches Konzept bietet die Jagd nach Geocaches. Um beim Geocaching erfolgreich zu sein, muss man in der Regel ein etwas kniffligeres Rätsel lösen und die GPS-Koordinaten des versteckten Schatzes in der Realität suchen und finden. Je nach Versteck kann diese Suche anspruchsvoll und anstrengend sein, auch die Rätsel sind beim Geocaching teilweise nicht ohne. Die Suche nach Geocaches funktioniert problemlos auch mit mehreren Spielern, die gemeinsam ein Ziel erreichen, und stellt den Spieler immer wieder vor neue Herausforderungen. Ein simples Wischen über den Bildschirm reicht da nicht aus.

So viele und doch so einsam

Zurück zum Beginn dieses Kommentars: Schnitzeljagd und Orientierungslauf. Im Mittelpunkt steht das gemeinsame Erreichen eines Ziels, das man alleine nur schwer oder gar nicht schaffen würde. Ein solches Gruppenerlebnis geht Pokémon-Spielern völlig ab. Zwar spielen momentan weltweit Millionen von Menschen – bis auf die Kämpfe in den Arenen findet dieses Massenphänomen jedoch nebeneinander und nicht miteinander statt. Selbst wenn sich eine große Gruppe von Spielern an einem Ort trifft, sieht das oft aus wie auf diesem Bild:

Viele Spieler und jeder starrt auf seinen eigenen Bildschirm: Von der Umgebung bekommt der Pokémon-Fänger nur peripher etwas mit, wenn er gerade dabei ist, ein begehrtes Pokémon an Land zu ziehen. Insofern ist der Hype um Pokémon Go vielleicht sogar eine Metapher für eine gesellschaftliche Fehlentwicklung: Man ist nicht allein, aber trotzdem sehr einsam.

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