So tickt der Hersteller mit dem doppelten Android

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Coolpad Torino im Hands-On
Bildquelle: Christian Koch / inside-handy.de
Coolpad kennen in Deutschland nur wenige Eingeweihte, obwohl das chinesische Unternehmen zu den weltweit größten Smartphone-Herstellern gehört. Anlässlich einer Produktpräsentation in München hat die Redaktion die Gelegenheit genutzt, um einen genaueren Blick auf Coolpad zu werfen. Christoph Lichtenberg, verantwortlich für das Deutschland-Geschäft, erläutert die Strategie des chinesischen Herausforderers und die aktuelle Produktpalette.

Seit Anfang dieses Jahres mischt Coolpad auch auf dem deutschen Handymarkt mit. Im Rahmen der der Leitmesse MWC im Februar in Barcelona hat sich der Hersteller erstmals einer breiten europäischen Öffentlichkeit präsentiert. Die ersten Produkte sind mittlerweile auf dem Markt und es drängt sich die Frage nach der Coolpad-Strategie auf. Mehr als eine Handvoll Smartphones wird Coolpad pro Jahr nicht auf den Markt bringen, so Lichtenberg. Im Gegensatz zu anderen preislich aggressiven Herstellern wie zum Beispiel Wiko beschränkt sich Coolpad also beim Angebot und setzt vielmehr darauf, nicht nur mit dem Preis, sondern auch mit innovativen Produkten zu punkten

Coolpad Torino S, Torino und Max

Die drei Aushängeschilder von Coolpad sind im Moment das Torino S, das Torino und das Max. Den „Einstieg in die Coolpad-Welt“, so Lichtenberg, „stellt das Torino S dar“. Mit seinem 4,7 Zoll großen Display ist es vergleichsweise klein und liegt mit seinen weichen Rundungen trotz Plastikgehäuse gut in der Hand. Die technische Ausstattung ist für ein 179 Euro teures Smartphone recht ordentlich. Herausragend ist der Fingerabdrucksensor, der tadellos funktioniert und jedem Finger neben dem Entsperren des Smartphones auch einen Befehl zuordnen kann. So lässt sich zum Beispiel mit dem Zeigefinger nicht nur der Bildschirm entsperren, sondern gleichzeitig auch ein Anruf bei einer Wunsch-Rufnummer auslösen. Die einzelnen Finger kann der Nutzer je nach Gusto mit individuellen Funktionen belegen. In dieser Preisklasse ist eine solche Funktion einzigartig, auch der Infrarot-Sender des Torino S ist eine Besonderheit.

Das Coolpad Torino ist für Lichtenberg der „große Bruder“ des Torino S und Coolpad hat in der Tat bei vielen Funktionen und Eigenschaften jeweils ein Regal höher zugegriffen: Der Prozessor und die Kamera sind potenter, das Kamera-Interface intuitiver, Display, Arbeitsspeicher und Akku größer. Beim Coolpad Max schraubt der Hersteller nochmal die Leistung nach oben und verbessert die Auflösung des Displays. Das metallische Unibody-Design des Geräts erinnert frappierend and die One-Reihe von HTC. Sowohl das Torino als auch das Max erhalten mit Dual Space ein Software-Feature, auf das man bei Coolpad besonders stolz ist.

Coolpad Torino: Hands-On-Fotos

Dual Space als Alleinstellungsmerkmal

Lorbeeren ernten will man derzeit bei den hochwertigeren Smartphones vor allem mit Dual Space, einem Software-Feature, das auf einem Android-Smartphone zwei voneinander getrennte Betriebssystem-Partitionen erlaubt. Dass ausgerechnet Coolpad eine solche Innovation auf den Markt bringt, liegt für Lichtenberg auf der Hand. Schließlich habe Coolpad das erste Dual-SIM-Patent eingereicht und die Idee von zwei getrennten Android-Installationen sei die Weiterentwicklung der Benutzung von zwei getrennten SIM-Karten.

Lichtenberg skizziert, welche Zielgruppen sich für das Doppel-Android aus dem Hause Coolpad interessieren könnten. Klassisch denkt man an Nutzer, die nicht nur ihre beruflichen und privaten Rufnummern trennen wollen, sondern auch zwei WhatsApp-, Facebook- oder Twitter-Accounts auf einem Gerät in Betrieb haben möchten. Einer der beiden Bereiche wird dabei besonders mit einem Virenscanner und einer Verschlüsselung für Nachrichten geschützt, was vor allem für die berufliche Nutzung interessant sein dürfte. Per Display-Icon oder Fingerabdruck kann man zwischen beiden Partitionen wechseln, im ersten Kurz-Test dieser Funktion dauert der Wechsel zwei bis drei Sekunden.

Hermetisch abgeriegelt sind beide Bereiche jedoch nicht. Mit einer Filesharing-App kann der Nutzer Kontakte, Apps oder Dateien wie Fotos zwischen beiden Welten verschieben. Auch Benachrichtigungen über neue Nachrichten oder verpasste Anrufe sieht man auf Wunsch in beiden Installationen. Dass diese Sichtbarkeit nicht immer gewünscht sein könnte, wird bei einem weiteren Einsatz-Szenario von Dual Space deutlich: Wer ein geheimes Doppelleben führen will, wird für ein Smartphone dankbar sein, auf dem der Partner nicht mitbekommt, wenn über eine zweite SIM-Karte pikante Nachrichten eingehen.

Dual Space ist für alle Coolpad-Modelle mit mindestens 3 GB Arbeitsspeicher verfügbar, die Einsteigermodelle bleiben also außen vor. Und auch für Android-Updates bedeutet Dual Space ein Problem: Die Software ist derzeit nur mit Android 5.1 Lollipop kompatibel, so dass alle aktuellen Geräte von Coolpad noch kein Update auf Android 6.0 Marshmallow besitzen und dieses auch, so Lichtenberg, nicht mehr erhalten werden.

Coolpad Max: Hands-On

Günstige Preise und schlanke Strukturen

Wie viele chinesische Unternehmen will Coolpad den Markt vor allem mit günstigen Preisen aufrollen. Die Smartphones von Coolpad kosten durchweg unter 400 Euro, selbst ein ambitioniert ausgestattetes Gerät wie das Coolpad Max ist für 349 Euro erhältlich. An den Preiszetteln sollte der Erfolg also nicht scheitern; problematisch könnte die mangelnde Bekanntheit werden, denn den Einstieg in den deutschen Markt geht Coolpad eher behutsam an. Lichtenberg ist gemeinsam mit vier weiteren Kollegen für das Geschäft in Deutschland und der Schweiz zuständig – im Vergleich zu Branchen-Schwergewichten wie Samsung hat diese Personalausstattung beinahe Startup-Charakter. Hilfreich für den jungen Deutschlandchef: Er hat wie auch andere Coolpad-Vertreter bereits bei HTC einige Jahre Erfahrung im Mobilfunk sammeln können.

Verkaufen will Coolpad seine Smartphones in Deutschland sowohl online als auch offline. Im Internet ist der Hersteller bei allen großen Shops vertreten und mit seinen Geräten gelistet. Die freien Handy-Shops erreicht Coolpad über die großen Distributoren wie Brodos/my-extra und Komsa/Aetka. Locken will Coolpad die Händler unter anderem damit, dass in den Shops funktionsfähige Live-Geräte zur Verfügung gestellt werden – ein Service, den laut Lichtenberg sonst nur Samsung bietet. Und auch an den großen Elektromärkten kommt man bei Coolpad nicht vorbei und bietet seine Geräte zum Beispiel über Media Markt, Saturn und Expert an.

Die härteste Nuss für den Vertrieb von Coolpad ist der Verkauf von Geräten mit Vertrag über die drei großen Netzanbieter Telekom, Vodafone und Telefonica. Coolpad hat bereits Interesse an einer Kooperation bekundet und befindet sich mit zweien der Betrieber bereits in Gesprächen. Für den Einstieg in den Markt hält Lichtenberg jedoch den freien Verkauf ohne Vertrag für wichtiger, denn über diesen würden inzwischen 60 Prozent der Smartphones in Deutschland verkauft.

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Mächtiger Eigentümer im Hintergrund

Der größte Anteilseigner von Coolpad ist das chinesische Unternehmen LeEco, dem 33 Prozent von Coolpad gehören. LeEco ist eines der bedeutendsten Digitalunternehmen Chinas und wird auf einen Wert von umgerechnet 13 bis 14 Milliarden Euro taxiert. Charakterisieren lässt sich LeEco entweder als das Apple oder Netflix Chinas, denn die Tätigkeitsfelder erstrecken sich von Elektronikartikeln über E-Autos bis hin zu Online-Handel und Video-Streaming. LeEco ist der größte Online-Videoanbieter Chinas und Coolpad-Käufer in China erhalten ein Jahr lang kostenlosen Content von LeEco. Ähnliche Modelle hält Lichtenberg auch für Deutschland denkbar, wenn sich LeEco in Richtung Europa und Nordamerika ausbreitet. Die Coolpad-Smartphones wären dann das technische Vehikel, um Filme, Serien und Musik über LeEco zu verbreiten.

Dreier-Vergleich: Torino S, Torino, Max

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