P9-Kamera kommt gar nicht von Leica

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Leica-Kamera im Huawei P9
Bildquelle: Huawei
Als Huawei im Februar eine Technologiepartnerschaft mit der deutschen Kult-Kameramarke Leica ankündigte, schlug die Meldung große Wellen. Foto-Fans waren begeistert, die Erwartungen an das P9, das als erstes mit der Technologie bestückt sein sollte, waren riesig. Mittlerweile ist das P9 auf dem Markt und nun kommt die Ernüchterung: Anscheinend hat Leica mit der P9-Kamera gar nicht so viel zu tun, wie Huawei seinen Kunden glauben machen möchte.

Huawei hat sich die Doppel-Kamera des P9, die von der deutschen Fotografie-Ikone Leica stammen soll, als Marketing-Zugpferd vor den Karren gespannt. „Co-Engineered with Leica“ liest es sich auf beinahe allen offiziellen Produktmaterialen des chinesischen Technologiekonzerns zu dessen neuem Flaggschiff-Smartphone. Doch wie weit das Engagement der Deutschen in der Entwicklung der Kameratechnologie des P9 ging, darf dank letzter Erkenntnisse in Frage gestellt werden.

Weder die verwendeten Kamera-Sensoren, noch die damit verbundene Optik stammen aus Wetzlar, wo die Leica Camera AG ihren Sitz hat. Stattdessen kommt ein Sensor von Sony zum Einsatz, wie in vielen anderen Smartphones – unter anderem im Galaxy S7 von Samsung – auch. Und auch die Kameralinsen kommen nicht wie zunächst vermutet aus den Leica-Laboren: Der chinesische Zulieferer Sunny Optical Technology zeichnet sich für die Entwicklung der Optik des Smartphones verantwortlich. Auch Huawei bestätigte dies mittlerweile. Die Doppel-Kamera des P9 wurde allerding von Leica zertifiziert. Für Leica ist die Zusammenarbeit mit einem chinesischen Zulieferer eine Premiere.

Huawei beteuert Leicas Beteiligung

Huawei hat derweil Stellung zum aufkommenden Vorwurf des Etikettenschwindels bezogen: „Das P9 und das P9 Plus wurden von Huawei und Leica gemeinsam entwickelt. Dies war die erste Zusammenarbeit der beiden Firmen nachdem im Februar eine Langzeitpartnerschaft angekündigt wurde. Ganz von Anfang an war Leica zutiefst involviert in die Entwicklung dieser Geräte. Es gab eine signifikante technologische Zusammenarbeit zwischen Huawei und Leica über viele Aspekte der Kamera, einschließlich Design der Optik, Bildqualität, Bilddatenverarbeitung, Optimierung und mechanischer Konstruktion des Kameramoduls bis hin zur Benutzeroberfläche. Die Geräte entsprechen Leicas höchsten Standards in der Bilddarstellung.“

Die Frage, warum Leica und Huawei sich für die Herstellung von Sensoren an die Branchengrößen Sony und Sunny Optical, seinerseits einer der größten Hersteller für Smartphone-Kameraobjektive gewandt haben, lässt sich zum einen sicherlich mit Kosten, zum anderen mit Kapazitäten erklären: Leica selbst stellt hochpreisige Systemkameras her, die in weit geringeren Stückzahlen produziert werden, als die Flaggschiff-Smartphones des drittgrößten Handyherstellers der Welt. Für die winzigen Komponenten wären außerdem ganz andere Maschinen vonnöten, als sie Leica zur Fertigung ihrer Kameras vorliegen. Der risikobehaftete Weg einer Produktionsauslagerung schien den Partnern hier der gangbarere. Und der Erfolg gibt ihnen Recht.

Das Huawei P9 erhielt im Test von inside-handy.de für die Kamera die Höchstpunktzahl von fünf Sternen. Die Redaktion war begeistert: „Tolle Bildqualität und eine sinnvoll gestaltete Kamera-App sind die Stärken des Huawei P9. Der Nachschärfeeffekt macht Spaß und der Monochrom-Modus bringt Leica-Feeling in die Smartphone-Welt.“ Am Ende kann man Huawei also doch gratulieren: Alles richtig gemacht.

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