Motorola, Nokia und Apple: Wie aus dem Handy ein Smartphone wurde

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Snake auf dem Nokia 5110 Android
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"Ein Kamerahandy? Brauche ich nicht. Ein Handy ist zum Telefonieren da; eventuell noch um SMS zu schreiben. Außerdem macht die Kamera total schlechte Bilder." So in etwa klang ein Skeptiker Ende der 90er-Jahre, als er gegen den unvermeidlichen Fortschritt des Handys rebellierte. inside-handy.de blickt zurück und zeigt, welches das erste Kamerahandy war, wie die Antenne von außen nach innen wanderte und was den Ausschlag zum Smartphone gab.

Das erste Handy

Vor mehr als 30 Jahren machte Motorola mit dem DynaTac 8000X den entscheidenden Anfang und brachte das erste Handy auf den Markt. Das Telefonieren, wie man es bis dahin kannte, wurde im Jahr 1983 neu erfunden und plötzlich war man dazu in der Lage, auch von unterwegs aus Freunde und Verwandte zu erreichen.

Das DynaTac 8000X stets bei sich zu haben, war allerdings eine Herausforderung: Das „Handy“ ist/war mit Maßen von 33 x 4,5 x 8,9 Zentimetern und einem Gewicht von 800 Gramm nicht gerade handlich. Im Vergleich: Aktuelle Smartphones sind im Schnitt um 90 Prozent flacher und bringen ein Achtel des Gewichts auf die Waage.

Trotz des vergleichsweise hohen Preises von knapp 4.000 US-Dollar verkaufte Motorola innerhalb eines Jahres über 300.000 Geräte.

1992, knapp zehn Jahre später, erhielt auch Deutschland sein erstes Handy. Mit 520 Gramm war das Motorola International 3200 etwas leichter als das DynaTac 8000X und unterstützte als eines der ersten Handys den GSM-Standard. Anfangs war es, inklusive Vertrag bei D1 oder D2, ab circa 3.000 D-Mark erhältlich. Rechnet man die Inflation mit ein, wären das heutzutage in etwa 2.200 Euro. 

Motorola MicroTac

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Das erste Klapphandy

Im Jahr 1989 brachte der damalige Innovator Motorola mit dem MicroTac das erste Klapphandy auf den Markt. Eine GSM-Variante kam 1994 nach Deutschland. Der Marktpreis lag damals bei 3.500 US-Dollar; heute etwa 5.000 Euro.

Das erste Slider-Handy

Gut zehn Jahre nachdem das erste Klapphandy der Welt vorgeführt wurde, brachte das deutsche Unternehmen Siemens mit dem SL10 im Jahr 1999 das erste Handy mit Slider-Funktion auf den Markt. Das 129 x 50 x 26 Millimeter große Gerät hatte ein Farbdisplay mit einer Auflösung von 97 x 54 Pixeln.

Das erste Handy mit Farbdisplay

Lange Zeit waren Handy-Displays monochrom, was bedeutet, dass lediglich zwei Farben angezeigt wurden – meist Schwarz und Grün. Diese Technik kommt heutzutage noch bei den meisten Taschenrechnern zum Einsatz, nicht aber in Handys. Bereits 1997 stellte Siemens mit dem S10 das erste Handy mit einem farbigen Display vor. Es zeigte zwar nur vier verschiedene Farben an, jedoch konnten viele Hersteller erst Jahre später gleichziehen.

Vier Jahre später kam mit dem Ericsson T68 das erste Handy mit einem echten Farbdisplay auf den Markt, welches 256 Farben darstellen konnte.

Das erste Kamerahandy

Im Jahr 1999 wurde klar, dass ein Handy in Zukunft nicht nur zum Telefonieren und SMS schreiben verwendet, sondern auch als Kamera zweckentfremdet wird. Das erste Handy, das Fotos in einer bescheidenen Qualität aufnehmen konnte, hieß „Camesse“, kam von Toshiba und nur in Japan auf den Markt. Erst drei Jahre später, nachdem Hersteller wie Ericsson oder Motorola Handys mit ansteckbaren Kameras zeigten, hatte auch Deutschland mit dem Nokia 7650 sein erstes Handy mit integrierter Kamera. Das Telefon vereinte eine ganze Reihe neuer Technologien in einem mit 114 x 56 x 26 Millimetern recht dicken Slider-Gehäuse. Das Display erreichte eine Auflösung von damals beachtlichen 176 x 208 Pixeln bei 4.096 Farben. Das Sharp GX 30 war das erste Fotohandy mit einer 1-Megapixel-Kamera.

Die Kamera in Handys entwickelte sich in den darauffolgenden Jahren wie eine Brise zu einem Tornado. Auf dem MWC 2012 präsentierte Nokia das 808 PureView – ein Smartphone mit einem 41-Megapixel-Sensor, Xenon-Blitz und Carl-Zeiss-Objektiv. Der im Vergleich zu anderen Smartphones sehr große Sensor erlaubt in 5-Megapixel-Aufnahmen einen digitalen Dreifach-Zoom ohne Qualitätsverlust.

Das erste Handy mit MP3-Player

Um den Platz des ersten Handys mit MP3-Player streiten sich gleich zwei Handys: Sowohl das Samsung M100 als auch das Siemens SL45 brachten Ende 2000 die Möglichkeit mit, Musik über einen Kopfhörer direkt vom Handy abzuspielen. Das SL45 verfügte dabei als erstes Handy der Welt über eine austauschbare 32 Megabyte große MMC-Speicherkarte, was es einfacher machte, neue Lieder vom PC auf das Handy zu übertragen. Samsung hatte den Speicher fest verbaut. Beide Handys glänzten übrigens mit einer technischen Besonderheit: Die Kopfhörer enthielten gleichzeitig ein Mikrofon, um sie als Freisprecheinrichtung zu verwenden.

nokia 3210

Bildquelle: Nokia

Das erste Handy mit integrierter Antenne

Wieder war es das Unternehmen Nokia, das die Handywelt um eine kleine aber entscheidende Sache bereicherte: Das Nokia 3210 kam 1999 auf den Markt und war das erste kommerziell erfolgreiche Handy ohne externe Antenne.

Die Möglichkeit, das Aussehen durch austauschbare Abdeckschalen (von Nokia „Xpress-on“ genannt) individuell zu verändern, machte das 3210 ebenfalls zu einem der beliebtesten Modelle seiner Zeit. So konnte man zwar bereits beim Vorgänger, dem Nokia 5110, schon die Frontschale austauschen, beim 3210 war aber auch die Rückschale austauschbar.

Das erste Handy mit Browser

Um auch von unterwegs aus auf dem aktuellen Stand zu sein, wurde das Internet in kleinen Schritten auf das Handy gebracht. Dabei entbrannte durch den Internet-Boom Ende der 90er-Jahre ein Wettrennen um das erste WAP-kompatible Handy auf dem deutschen Markt. Das erste Handy mit WAP-Zugang, das in Deutschland in den Handel kam, war schließlich das Siemens S25. Leider zu früh, hatte es doch den falschen WAP-Standard 1.0 an Bord, der nicht mehr unterstützt wurde. Das erste Handy mit WAP-Browser des Standards 1.1 war das Nokia 7110, das auch in anderer Hinsicht Kunden begeistern konnte: Es war das erste Handy mit einem automatischen Slider, der die Tastatur per Tastendruck freigab.

Das erste Handy mit Bluetooth

Nachdem Hersteller einige ihrer Handys mit Infrarotschnittstellen ausgestattet hatten, war es Ericsson im Jahr 2001, die mit dem T39 das erste Handy mit Bluetooth auf den Markt brachten. Damals hatte ein High-End-Handy Ausstattungsmerkmale wie HSCSD, GPRS, eine Infrarotschnittstelle, E-Mail-Funktionalität und WAP.

Das erste Smartphone

Offiziell wird die Erfindung des ersten Smartphones IBM zugesprochen. 1992 wurde auf der Computermesse Comdex in Las Vegas das „Simon“ vorgestellt, das einen Touchscreen und viele wichtige Organizerfunktionen besaß. Eine Weltneuheit, die aber zum damaligen Zeitpunkt auf wenig Zuspruch stieß. Zu teuer und zu unnütz kam den potenziellen Kunden das Smartphone damals vor.

Man hatte mit dem Gerät zwar ein Telefon, PDA und Pager stets dabei und konnte sogar Faxe empfangen, allerdings hatte das Simon Ausmaße von 200 x 64 x 38 Millimetern und brachte 510 Gramm auf die Waage. Zudem schreckte der Preis von rund 900 US-Dollar (heute etwa 1.200 Euro) die Käuferschaft ab.

Gleichzeitig war das Simon auch das erste Handy, das über einen Touchscreen bedient werden konnte. 2002 gelang es erstmals Ericsson, im P800 einen Farb-Touchscreen zu verbauen, ehe LG im Jahr 2007 mit dem Prada das erste Smartphone mit einem kapazitiven Touchscreen vorstellte.

Der Begriff „Smartphone“ wurde erst fünf Jahre später (1997) von Ericsson kreiert, als das schwedische Unternehmen sein Konzept „GS88 Penelope“ als „Smart Phone“ beschrieb.

Ericsson GS88
Bildquelle: Ericsson

Das „Smart Phone“: Ericssons GS88

Im Jahr 1996 brachte Nokia mit dem 9000 Communicator das erste Smartphone, das für die breite Masse gedacht war. Die Communicator-Reihe etablierte sich schon nach kurzer Zeit als eine eigene Gattung.

Das erste Handy mit GPS-Modul

Um unterwegs die Orientierung zu behalten, kombinierte der finnische Hersteller Benefon ein Handy mit einem GPS-Empfänger. Das Benefon ESC! wurde 1999 vorgestellt und stieß vor allem im Outdoor-Bereich auf Zuspruch. Das Gerät war 129 x 49 x 23 Millimeter groß und 150 Gramm schwer. Mit einem Lithium-Ionen-Akku erreichte man eine Standby-Zeit von bis zu zehn Tagen. Zur Standardausrüstung gehört ein Daten- und Fax-Modem.

Das erste iPhone

Im Jahr 2007 präsentierte Steve Jobs das erste iPhone. Zugleich war es Apples Start in das Handysegment. Zwischenzeitlich verkaufte das Unternehmen heruntergerechnet 9 iPhones pro Sekunde und das Apple-Smartphone befindet sich mittlerweile laut Name in der sechsten Generation. Tatsächlich erscheint in diesem Jahr jedoch die zehnte, rechnet man das iPhone SE als eigene Generation hinzu, kommt gar die elfte iPhone-Generation 2016 auf den Markt.

Das erste Smartphone mit Android

Das HTC Dream, auch unter dem Namen T-Mobile G1 bekannt, war das erste Smartphone, das im Oktober 2008 mit Googles Betriebssystem Android auf den Markt gebracht wurde. Die Bedienung erfolgte über den kapazitiven Touchscreen, fünf Funktionstasten, einen Trackball sowie eine unter dem Display liegende QWERTZ-Tastatur. Indem man den Touchscreen aufschob, kam die Tastatur zum Vorschein.

Das erste LTE-Smartphone

Samsung schaffte es mit dem SCH-R900 als erstes Unternehmen, ein Smartphone mit dem LTE-Standard auszustatten. Mittlerweile ist LTE, auch als 4G bekannt, längst zum Netzstandard geworden und entsrechende Mobilfunkchips werden auch in Einsteiger-Smartphones verbaut. Der Weg geht längst hin zu 5G, dem nächsten Schritt. Hier wartet man noch auf das erste Smartphone, das diesen Standard bietet – aber eben auch auf den Netzanbieter, der für den Empfang sorgt.

Das erste Smartphone mit NFC

Auf der Cebit 2007 stellte Nokia das 6131 NFC vor, das kurze Zeit später in den Handel kam. Laut dem Unternehmen ist es das erste, kommerziell genutzte Near-Field-Communication-Handy weltweit. Mit dem Gerät, das GSM-Quadband und EDGE beherrschte, Bluetooth, USB und Infrarot an Bord hatte und mit einer 1,3-Megapixel-Kamera ausgestattet war, konnten Nutzer beispielsweise durch das Berühren eines an Haltestellen angebrachten Funkchips Fahrplaninformationen abrufen oder auch direkt Fahrkarten kaufen. NFC gehört mittlerweile zur Standardausstattung vieler atueller Smartphones. Der Trend hin zu Gehäusen aus Metall greift allerdings störend in diese Entwicklung ein.

Das erste Smartphone mit Fingerabdrucksensor

Das Smartphone hat sich mittlerweile zum mobilen Computer, teilweise gar zum Arbeitsgerät entwickelt. E-Mails, Termine und auch Online-Banking werden mit dem Smartphone geordnet. Hier stellt sich die Frage der Sicherheit; Antworten geben die hersteller mit biometrischen Entsperrmethoden. Der südkoreanische Hersteller Pantech war im Jahr 2013 der erste Produzent eines Handys mit Fingerabdrucksensor. Auf dem hiesigen Markt war das Gerät zwar nicht erhältlich, mit der Sicherungsfunktion kam man allerdings wiederum Apple zuvor, die im selben Jahr den Fingerabdrucksensor Touch ID im iPhone 5s verbauten.

Einer weitere biometrische Entsperrmethode ist der Iris-Scanner: Im Jahr 2015 feierten sie – zunächst in Asien – Premiere, spätestens mit dem Lumia 950 von Microsoft hielten Iris-Scanner in Smartphones auch hierzulande Einzug.

Microsoft Lumia 950 XL Iris-Scanner

Auch bei Samsung kommt ein Iris-Scanner für zusätzliche Sicherheit zum Einsatz: Im Galaxy Note7. Was daraus wurde, ist weithin bekannt: Wegen massiver Akkuprobleme wurde erst eine weltweite Rückrufaktion und dann der Verkaufsstopp erwirkt. Nun geht das Samsung Galaxy Note7 als eines der besten Smartphones des Jahres 2016, das allerdings nie so richtig auf den Markt kam in die Geschichte ein.

Die ersten Smartphones mit Gesichtserkennung

Gesichtserkennung zum Entsperren des Telefons ist seit Android 4.0 Ice Cream Sandwich Bestandteil des Google-Betriebssystems. Diese Version von Android erblickte im September 2011 das Licht der Öffentlichkeit. In den ersten Versionen war diese Technologie jedoch noch sehr unsicher – oftmals genügte ein Foto oder ein Video der registrierten Person zum Entsperren des Handys. Auch deshalb spielt die Gesichtserkennung bei Android-Smartphones bis heute eine eher untergeordnete Rolle.

Anders sieht es bei Apple aus. Mit dem iPhone X stellte der Hersteller aus dem kalifornischen Cupertino 2017 ein Smartphone vor, dass auf den Fingerabdruck-Sensor als biometrisches Identifikationsmerkmal verzichtet und voll und ganz auf die Gesichts-Entsperrung setzt, die im Apple-Universum den schneidigen Namen Face ID trägt. Apple verwendet hierzu nicht nur das Bild der Frontkamera, sondern nutzt ein Verfahren namens TrueDepth, bei dem 30.000 unsichtbare Punkte auf das Gesicht projiziert und anschließend analysiert werden, wodurch eine Tiefenkarte des Gesichts entsteht. Anhand dieses dreidimensionalen Modells gelingt eine sicherere Authentifizierung, die sich nicht anhand eines Fotos oder Videos täuschen lässt.

Apple iPhone X: Hands-On-Bilder

Apple hat außerdem sichergestellt, dass eine sehr gute Erkennungsleistung aufweist. So sollen auch Veränderungen im Gesicht für die Software kein Problem darstellen. Android-Hersteller arbeiten mittlerweile unter Hochdruck daran, eine ähnlich gute Gesichtserkennung in ihre Geräte zu integrieren. Unter anderem hat OnePlus eine Softwarelösung über die Frontkamera eingeführt, die jedoch nicht wie bei Apple ein dreidimensionales Ebenebild erstellt, sondern vom Prinzip her auf der älteren Android-Lösung basiert. Im Test des OnePlus 5T konnte die Gesichtsentsperrung trotzdem überzeugen. Bei Samsung sieht es ähnlich aus. Im Test des Samsung Galaxy Note 8 zeigte sich jedoch, dass die Gesichtserkennung noch mit kleinen Problemen zu kämpfen hat. 

Die ersten Smartphones mit Dual-Kamera

Aktuell erfreuen sich zudem Smartphones mit Dual-Kameras großer Beliebtheit. Eines der ersten Geräte, das auf zwei Objektive anstatt auf eines setzte, war das LG Optimus 3D. Es erschien schon im Mai 2011. Im Gegensatz zu modernen Dual-Kameras, die unter anderem für mehr Tiefenschärfe sorgen sollen, wollte das Gerät von LG Inhalte in 3D aufnehmen und wiedergeben. Mit einem besonderen Verfahren und zwei 5-Megapixel-Sensoren sollte dieser Effekt erzielt werden.

LG Optimus 3D: Hands-On-Fotos

Auch HTC setzte auf Dual-Kameras für 3D-Effekte mit dem HTC Evo 3D. Weit brachte es die Technologie weder bei LG noch bei HTC und so verschwand sie für einige Jahre hinter verschlossenen Türen. Dort schaffte sie es dann erst wieder im Jahr 2014 heraus. Erneut war es HTC, das mit dem One M8 und den zwei Linsen auf der Rückseite auf verbesserte Bildqualität setzte. Die Technologie, wie wir sie heute kennen, kam erstmalig im Honor 6 Plus von Huawei zum Einsatz. Der chinesische Hersteller war es auch, der die Technik im beliebten P9 hierzulande salonfähig machte. Zur gleichen Zeit brachte auch LG mit dem G5 ein Smartphone mit Dual-Kamera heraus – vier Jahre nach dem ersten Versuch. Inzwischen wird die Dual-Kamera-Technologie auch in zahlreichen Handys aus China eingesetzt.

Die Verwandlung von Handy zu Smartphone

Mittlerweile dürfte selbst der letzte Kritiker eine hochauflösende Kamera in seinem Handy haben, das in einem schleichenden aber stetig schneller werdenden Prozess die Wandlung zum Smartphone durchläuft. Im Jahr 2011 wurden erstmals mehr Smartphones als übliche Handys abgesetzt. 2016 nennt bereits mehr als jeder Zweite Deutsche ein Smartphone sein Eigen. Das klassische Handy wird nunmehr als Feature Phone bezeichnet und repräsentiert eine aussterbende Gattung.

Vom Handy zum Smartphone

Einen Blick in die Glaskugel wirft inside-handy.de im Feature „Das Smartphone von morgen„. Dort geht es unter anderem um flexible und Rundum-Displays, sowie eine Technik, die aus dem Bildschirm einen Lautsprecher macht.

Windows, Symbian und Firefox OS – das Ringen und die dritte Kraft der Smartphone-Systeme

Apples iOS und Googles Android – im Markt um die Smartphone-Betriebssysteme hat sich ein Duopol entwickelt, beide Systeme scharen eine treue Fangemeinde um sich. Während iOS als erstes „modernes“ Smartphone-Betriebssystem, das auf Touchscreen-Bedienung ausgelegt war, einen Startvorteil hatte, hat Googles Android einige andere Systeme auf seinem Weg zur Marktdominanz hinter sich gelassen.

Symbian und MeeGo

Ironischerweise hat vor allem der einstige Handy-Marktführer Nokia eine lange Tradition darin, in puncto Betriebssystem auf das falsche Pferd zu setzen. Lange Zeit hatte der finnische Hersteller an seiner Eigenentwicklung Symbian festgehalten und zuletzt auch versucht, das eigentlich auf Stift- und Tastatur-Bedienung ausgelegte System fingerfit zu machen. An dem Punkt, an dem Nokia eingesehen hat, dass der Wechsel ins Smartphone-Zeitalter mit Symbian nicht zu machen war, war es um die Marktführerschaft der Finnen bereits geschehen. Auch das von Nokia protegierte MeeGo, das man als Nachfolger von Symbian in der Hinterhand hatte, scheiterte, noch bevor ihm ein großer Auftritt vergönnt gewesen wäre – denn Nokia entschied sein Glück in einer Partnerschaft mit Microsoft zu suchen und fand sein Verderben.

Nokia Symbian Anna: Pressebilder

Von Windows Mobile zu Windows Phone

Dabei hatten nicht wenige es Microsoft zugetraut, auch im Smartphone-Segment abzuräumen – wenn einer es mit Google und Apple aufnehmen könnte, dann doch wohl der Marktführer für PC-Betriebssysteme. Doch für den Software-Konzern aus Redmond, der sonst für geradlinige und effiziente Produkte bekannt ist, erwies sich der Mobil-Markt als Irrgarten. Zwar war man zu diesem Zeitpunkt mit Windows Mobile schon einige Jahre in Richtung PDA und Smartphone unterwegs, doch das System orientierte sich stark am Windows-Desktop und war ohne Stift schlicht nicht zu bedienen. Microsoft entschied sich also Tabula rasa zu machen und brachte mit Windows Phone 7 ein völlig neues Betriebssystem auf den Markt.

Nokia Lumia 930: Screenshots Windows Phone 8.1

Doch das Abschneiden alter Zöpfe erwies sich nicht als die cleverste Entscheidung, denn so hatte das System ab dem ersten Tag mit einer App-Armut zu kämpfen. Schließlich liefen weder alte Windows-Mobile-Apps auf den ersten Smartphones, noch hatte man es rechtzeitig geschafft, einen prall gefüllten App-Store zu präsentieren. Nun hatte man ein schickes Betriebssystem mit moderner Oberfläche – die bis zu einem Rechtsstreit mit der deutschen Großhandelskette „Metro“ genannt wurde – das aber keiner wollte, denn die App-Auswahl war recht bescheiden. Dabei wurde das Bedienkonzept vielerorts als besonders durchdacht gelobt, denn die Live-Kacheln vereinten App-Start und Benachrichtigungsansicht auf clevere Weise.

Im Oktober 2012, ziemlich genau zwei Jahre nach dem Erscheinen von Windows Phone 7, zog Microsoft abermals den Stecker, indem es mit Windows Phone 8 eine neue Version von Windows Phone zeigte, die ihrerseits inkompatibel mit Windows Phone 7 ist – Geräte, die mit diesem System gekauft wurden, waren nicht auf die neue Version zu aktualisieren. Da die Systeme optisch keine großen unterschiede aufwiesen, reagierten die Kunden mit Unverständnis. Unter der Haube hatte sich dafür umso mehr getan. Denn während Microsoft Windows Phone 7 um das alte Windows Mobile herum gebaut hatte, besaß Windows Phone 8 mit seinem NT-Kernel bereits den gleichen Unterbau wie Windows 8. Microsoft verfolgte von nun an die Strategie, seine Desktop- und Smartphone-Systeme zusammen zu führen – es sollte Jahre dauern.

Windows 10 Mobile

Die mobile Version von Windows 10 hatten eingefleischte Windows-Fans noch vor deren Erscheinen zum Heilsbringer hochstilisiert. Und dafür hatte Microsoft auch einiges getan. So kündigte Microsoft nicht nur die leichte Portierbarkeit von iOS-Apps an, sonders gar die native Lauffähigkeit von Android-Apps war im Gespräch. Das Stigma der App-Armut wollte Microsoft mit dieser Version ein für alle mal abstreifen. Doch es kam alles anders.

Microsoft Lumia 650 Screenshots Menü

Denn noch bevor Windows 10 Mobile erschien, kassierte Microsoft die Android-Kompatibilität wieder. Auch die Portierbarkeit von iOS-Apps war nicht mit so wenigen Klicks getan, wie Microsoft es versprochen hatte – die Entwickler sprangen nicht wie erhofft auf den Zug auf. Immerhin konnte man Facebook als Partner gewinnen, sodass es nun endlich eine anständige Instagram-App für das Windows-Fon gab, doch inzwischen wurde das Microsoft-Betriebssystem von Smartphone-Fans nur noch belächelt, trotz vielversprechender Features wie Continuum. Verkaufszahlen und Marktanteil des mobilen Windows befanden sich weiterhin im freien Fall und sind mittlerweile im nicht messbaren Bereich angelangt. Microsoft entwickelt das System noch analog zum „großen“ Windows 10 weiter, neue Features oder eine langfristige Weiterentwicklung sind jedoch nicht mehr geplant.

Hardcore-Fans hoffen derweil nach wie vor auf ein „Surface Phone“ von Microsoft, und greifen nach jedem Strohhalm. So hat Microsoft unlängst angekündigt, dass das „große“ Windows 10 nun auch auf ARM-basierten Prozessoren wie den Snapdragons von Qualcomm laufe. Vielleicht hat also das letzte Stündlein von Windows auf Mobilgeräten doch noch nicht geschlagen.

Ubuntu, Firefox OS, Tizen

Einige Exoten gibt es immer mal wieder. So gab es von der beliebten Linux-Distribution Ubuntu auch eine Mobil-Version, die in Europa in einigen Smartphones von BQ zu finden war. Mangels Erfolgsperspektive wurden die Arbeiten von offizieller Seite 2017 eingestellt. Dieses Schicksal teilt Ubuntu Touch mit Firefox OS, dem Smartphone-Projekt des Browser-Herstellers Mozilla. Das auf Web-Technologien basierte Betriebssystem schaffte es bis zur Version 2.6 – und lief dann aus.

BQ Aquaris E5 Ubuntu Edition: Screenshots Benutzeroberfläche

Anders sieht es bei Tizen aus. Das ebenfalls Linux-basierte System ist mittlerweile in Version 3.0 angekommen und wird aktiv weiterentwickelt. Die Basis dafür bildete das gescheiterte MeeGo. Smartphones sind jedoch eher die Ausnahme bei Tizen: Der Hersteller Samsung, der die Tizen-Entwicklung mit vorantreibt, stattet jedoch seine Smartwatches und Smart-TVs mit dem System aus.

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