JVC J20 alias Vestel Venus Z20 im Kurztest: Schick, aber uninspiriert

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JVC J20 alias Vestel Venus Z20
Japan oder Türkei, Hauptsache Deutschland. Der japanische Technik-Konzern JVC ist mit einem Handy auf dem deutschen Markt. Die Expertise aus Japan zeigt sich jedoch erst einmal nur in Logo und Branding. Hinter dem Modell steckt nämlich die türkische Firma Vestel. Was das japanisch-türkische Smartphone kann und ob es ein ernstzunehmender Mittelklasse-Konkurrent auf dem deutschen Markt ist, zeigt der Kurztest.

JVC J20 – mit dem Marktdebüt von JVC-Handys in Deutschland erhalten Kunden auch einen ersten Eindruck von Vestel, dem Hersteller, den der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan unlängst als Alternativ-Marke zu Apple nannte. Hintergrund: Die atmosphärischen Störungen in der türkisch-amerikanischen Wirtschaftspolitik.

Das ist aber nicht das Thema. Beim JVC J20 – das dem Vestel Venus Z20 wie ein Ei dem anderen gleicht – handelt es sich um ein solides Mittelklasse-Smartphone. Ein Blick auf das Datenblatt ordnet es in der Preisklasse von 300 bis 400 Euro ein. Tatsächlich spiegelt das den Vorschlagspreis des Herstellers wider – 379 Euro. Auf dem Markt erhält man das Handy allerdings schon für knapp unter 300 Euro.

Technische Daten, Hardware und Leistung

Das Herz des JVC J20 bildet ein Snapdragon 630 – also ein solider und bewährter Mittelklasse-Prozessor. Dem Chipsatz werden 4 GB Arbeitsspeicher beiseite gestellt. Außerdem gibt es nominell 64 GB Speicherplatz. Hiervon stehen aber nur knapp 48 GB als Partition zur Verfügung. Wem das nicht reicht, der kann per Micro-SD bis zu 2 TB Kartenspeicherplatz ergänzen. Dual-SIM-Funktion oder zumindest Hybrid-Slot bietet das Handy nicht.

Alle Daten des JVC J20 alias Vestel Venus Z20 im Überblick:

 JVC J20 (Vestel Venus Z20)
 
JVC J20 Schwarz FrontQuelle: JVC
Display5,65 Zoll, 1.080 × 2.160 Pixel
Betriebssystem-VersionAndroid 8.0 Oreo
ProzessorOcta-Core 2,2 GHz
RAM4 GB
interner Speicher64 GB
MicroSDja (2000 GB)
Kamera vorne/hinten8 Megapixel /
16 + 8 Megapixel (Dual-Kamera)
Fingerabdruckscannerja
Akku3.400 mAh
USB-PortUSB Typ-C
IP-Zertifizierungnein
Abmessungen (in mm)148 x 72 x 7,9
FarbenBlau, Schwarz, Gold
Einführungspreis349 Euro
Aktueller Marktpreis295 Euro

Zum kompletten Datenblatt des JVC J20

Hardware-Highlights des Smartphones sind ohne Zweifel der verhältnismäßig große Akku mit 3.400 mAh Fassungsvermögen sowie die großzügigen Speicherausstattung und -erweiterungsmöglichkeit. Grundsätzlich tauchen die technischen Angaben des JVC J20 auf zahlreichen Datenblättern in der Mittelklasse auf.

Leider sind auch die Highlights auf den zweiten Blick rar gesät: kein WLAN ac, nur Bluetooth 4.1 und bei den Ortungsdiensten nur GPS- GLONASS-Unterstützung sprechen eine enttäuschende Sprache. Mit LTE Cat.6 ist das Handy allenfalls solide aber nicht herausragend ausgestattet.

Kabelgebunden nimmt das JVC J20 mittels USB-C- oder Klinkenkabel vorlieb und mit anderen Geräten Verbindung auf. Auch externe Speicher-Sticks können an den USB-Port angeschlossen werden. Der Klinkenstecker dient gleichzeitig als Antenne für das UKW-Radio. Drahtlos kann die Anzeige per Schnittstelle, zum Beispiel via Chromecast, auf ein TV-Gerät gestreamt werden.

Das JVC J20 im Benchmark-Test

Soweit die Theorie. Nun ans Eingemachte. Im Leistungstest zeigt sich das JVC J20 als launische Diva. Da wären einerseits die – für die Güteklasse – akzeptablen 89.000 Punkte im AnTuTu-Test, andererseits aber der doch sehr ruckelige Eindruck bei den Benchmark-Sequenzen.

Die weiteren Standard-Tests bringen ähnliche Ergebnisse: Das JVC J20 befindet sich hier auf einem Niveau mit dem Huawei P20 Lite oder dem Sony Xperia XA2 Plus. Im Vergleich mit Samsungs A-Klasse sortiert es sich zwischen Galaxy A6+ und Galaxy A7 (2018) ein. Übrigens: Mit einem iPhone von Apple kann sich das umdekorierte Vestel-Smartphone weder auf dem Papier noch in der Praxis messen, wenn es um die schiere Leistung geht.

UmfeldModellBenchmark-Wert
TestgerätJVC J2089.000
 
Samsung Galaxy A6+ (2018)69.754
direkte KonkurrentenHuawei P20 Lite87.260
Nokia 6.189.451
 
Samsung Galaxy A3 (2017)46.559 (Antutu 6.x)
ehemalige Mittelklasse-ModelleHuawei P10 Lite61.115 (Antutu 6.x)
Nokia 647.591 (Antutu 6.x)
 
 Google Pixel 3 XL285.146
aktuelle ReferenzAsus ROG Phone299.279
 Apple iPhone XS Max364.994

Im Alltag lässt die Rechenpower den Nutzer aber selten im Stich. Für normale Handy-Anwendungen – WhatsApp, App-Dienste, mobiles Surfen oder Social Media – ist das Handy vollkommen ausreichend. Sogar Spiele-Sessions sind mit dem JVC J20 drin. Das zeigt nicht nur ein bemerkenswert flüssiger Test „3DMark: Ice Storm Extreme“, sondern auch ein kurzes Anspielen von „Asphalt 8: Airborne“.

10 Minuten Spielspaß machen sich durch 5 Prozentpunkte Akku-Ladungs-Verlust sowie durch einen deutlichen Temperaturanstieg an der Rückseite des Gehäuses bemerkbar. Nach einer gewissen Zeit beginnt der Grafikprozessor mit den schnellen und bunten Bewegtbildern zu kämpfen. Das Spielgeschehen hakt hier und da.

Hands-On, Design und Verarbeitung

Das JVC J20 erscheint recht handlich. Zweidimensional gesehen, ist es ein 149 x 72 Millimeter großes Rechteck mit abgerundeten Ecken. Die 7,2 Millimeter Dicke untermalen den guten Formfaktor des Smartphones. Trotz der geringen Größe findet auf der Vorderseite ein 5,65 Zoll großes Display Platz – 18:9-Format und Full-HD+-Auflösung. Die Ränder sind schmal, aber nicht unsichtbar.

Über eine feine Fräskante greift die vordere Display-Glasplatte auf den Alu-Seitenrand um. Zur Rückseite wieder eine solche schräge Kante und das Glas-Alu-Glas-Sandwich ist perfekt. Bei der Verarbeitung geht JVC beziehungsweise Vestel sehr sorgfältig vor. Die Designer legen Wert auf Symmetrie und klare Struktur. Das Glas auf Vorder- und Rückseite ist blank poliert. Der Fingerabdrucksensor lässt sich nur minimal erfühlen – was gut ist – die Dual-Kamera ist vollkommen plan eingesetzt.

Das Smartphone macht einen satten und keinesfalls billigen Eindruck. Mit 162 Gramm legt das Handy nicht wenig auf die Waage, liegt aber auch nicht wie Blei in der Tasche. Es wirkt, als ob Design und Verarbeitung trotz gewöhnlicher Wahl nicht einfach im Prospekt angekreuzt wurden. Hier hat sich tatsächlich jemand Gedanken gemacht und ein schönes Handy zusammengebaut. Kritik gibt es bei den Hardware-Tasten: Insbesondere der Power-Button auf dem Seitenrand ist sehr niedrig platziert. Will man das Handy per Daumen aufwecken, trifft man zu oft den Lautstärke-Taster. Ein Problem, das nicht nur Nutzer mit großen Händen haben. Dafür überzeugt allerdings die Position des Fingerabdrucksensors auf der Rückseite.

Software: Reines Android mit dem Touch eines Seniorenhandys

JVC schickt das Handy mit Android 8 Oreo an den Start. Marktstart in Deutschland war bereits im Sommer 2018, als Oreo noch das aktuellste Betriebssystem im Android-Universum war. Im Herbst erhielt das Handy ein Software-Update, das unter anderem den Sicherheits-Patch vom September aufspielte. So entsteht nicht der Eindruck, dass JVC – wie zahlreiche andere „kleine“ Handy-Hersteller – keinen nachhaltigen Software-Support anböte. Wie nachhaltig die Unterstützung ist, wird sich aber auch erst nachhaltig zeigen.

Grundsätzlich modifiziert der Hersteller wenig bis gar nichts an der Android-Oberfläche. Auf der zweiten Ebene verpasst JVC der Software sehr wohl einen eigenen Anstrich. Zum Beispiel wurde bei der Kamera nicht die Standard-Google-App gewählt, sondern eine eigene Kreation.

Dazu ist die Darstellung von Icons und Einstellungen sehr groß und erinnert fast an Senioren-Smartphones. Gerade weil das Display mit 5,65 Zoll – im 2:1-Format – nicht riesenhaft ist, haben somit wenige Elemente auf den Seiten Platz. Wer lieber viel Inhalt auf engem Raum hat, der kann im Play Store nach einem Launcher Ausschau halten. Fürs erste kann aber auch die Darstellung im Display-Menü verkleinert werden.

Kamera: Bokeh-Katastrophe

Auf der Rückseite des JVC J20 knipst eine Dual-Kamera – bestehend aus einem 16- und einem 5-Megapixel-Sensor – Bilder. Die Eigenschaft der Dual-Kamera besteht darin, einen natürlichen Bokeh-Effekt zu erzeugen, wenn der entsprechende Modus aktiviert wird. In der Praxis ist diese Einstellung aber nahezu nicht zu gebrauchen. Es ist klar ersichtlich, dass sich eine Automatik über die Fotos legt, die mehr willkürlich als exakt Unschärfen in die Szenerie einbaut.

Bokeh-Effekt des JVC J20 am Beispiel einer Hand.
Der Bokeh-Effekt ist katastrophal

Immerhin: Die Selfie-Kamera ist ganz gut – wenn das Licht nicht von hinten kommt. Aber letzteres gilt für fast jede Kamera.

Im Videobereich können Bewegtbilder mit bis zu 4K-Qualität aufgenommen werden. Ein wesentlicher Aspekt für gute Videos dieser Qualität: Stabilität. Hier ist tatsächlich eine ruhige Hand gefragt, denn einen optischen Bildstabilisator (OIS) bietet das JVC J20 nicht an.

Fazit zum JVC J20 alias Vestel Venus Z20

Das erste JVC-Smartphone auf dem deutschen Markt sieht vielversprechend aus. Kompakt, gut verarbeitet und angenehm in der Hand liegend, ist das erste Gefühl vielversprechend. Auch die Benutzeroberfläche – fast reines Android – macht Lust auf mehr.

Das war es dann aber schon. In der Ausführung wirkt das JVC J20 uninspiriert. Technisch ist Luft nach oben und zwar mehr Luft, als es die Klassifikation „Mittelklasse“ vermuten lässt. Die Kamera kann nur bedingt überzeugen, der Bokeh-Effekt der Dual-Kamera ist eine Katastrophe. Wer JVC außerdem als Marke mit Sound-Anspruch begreift, wird angesichts des mageren Klanges der Lautsprecher enttäuscht.

Wer aber ein tadelloses Handy für Grundfunktionen fernab vom Strom sucht, der wird beim JVC J20 – oder Vestel Venus Z20 – fündig und hält zusätzlich ein schickes Smartphone in der Hand. Funktionaler Vorteil: Der Fingerabdrucksensor entsperrt ohne Probleme, allerdings nur mit trockenen Fingern.

Verpackung des JVC J20
Lieferumfang des JVC J20 – fotografiert mit dem Smartphone selbst.
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Michael liebt Technik und vor allem Smartphone-Tests. Seit 2012 ist er mit Unterbrechung bei inside handy und schreibt über die neueste Technik. Zu seinen Aufgaben gehören das Ausprobieren von neuen Handys sowie das Betreuen der Social-Media-Auftritte. Seine Freude an der Technik wird nur von seiner Liebe für den Fußball übertroffen – besonders für den Verein seines Herzens, den 1. FC Köln. Er spielt aktiv im Verein und digital an der PlayStation. Wenn er nicht mit Ballsport oder Schreiben beschäftigt ist, verreist er gerne und betätigt sich als Chefredakteur des Gin-Magazins.

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