Heimliche Helden: FairphoneUmweltschutz und Humanität in der technologisierten Welt

vom 03.02.2016, 16:41
Heimliche Helden Fairphone

In der Reihe "Heimliche Helden" stellt inside-handy.de Hersteller vor, die zumeist unter dem Radar bleiben, obwohl sie sich aus der Masse der Smartphone-Hersteller durch Service, Engagement oder besondere Angebote abheben. Den Start der Serie bildet das Unternehmen Fairphone, das sich vor allem für Umweltschutz und bessere Arbeitsbedingungen in der dritten Welt einsetzt. Doch es gibt noch mehr zu entdecken beim kleinen Alternativanbieter.

Mit dem Fairphone 2 haben die Holländer im Sommer des vergangenen Jahres erst das zweite Handy in der Firmengeschichte vorgestellt, kurz darauf die ersten Bestellungen dafür angenommen und ab dem Herbst die ersten Geräte verschickt. Im Hands-On des Fairphone 2 zeigt sich, dass das faire Smartphone auch einige Nachteile, vor allem bei der Haptik, besitzt.

Faire Arbeitsbedingungen und konfliktfreie Minen

Bei der Präsentation in Berlin legte man vor allem Wert auf sein Steckenpferd, den Einsatz gegen menschenverachtende Arbeitsbedingungen in den Metallminen Afrikas und Südamerikas. Hier habe man schon einiges erreicht, jedoch kommen auch bei Fairphone noch nicht alle Materialien aus garantiert konfliktfreien Minen: Die Rohstoffe Zinn und Tantal werden bereits in konfliktfreie Minen im Kongo geschürft; bei Gold und Wolfram sollte es ebenfalls bald soweit sein. Bei beiden Metallen stehe man mit den verarbeitenden Zulieferern der betreffenden Bauteile Platine und Vibrationsmotor in engen Kontakt und will noch in der Produktion des Fairphone 2 konfliktfrei herstellen.

Die Bemühungen münden aktuell in einer konfliktfreien Zulieferkette des Rohstoffs Gold. Hier kommen die Bemühungen den Minenarbeitern in Peru zugute, die einen Großteil des Goldes, das im Fairphone 2 verbaut ist, abbauen. Beim vierten Konfliktmaterial Wolfram – verbaut in Glühbirnen, Elektronik und sehr gut nutzbar bei hoher Hitzeentwicklung – bemüht man sich bei Fairphone gerade. Hier sind Fairphone und der Partner Wolfram Bergbau zwar noch nicht ganz am Ziel, jedoch auf einem guten Weg.

Heimliche Helden Fairphone
Bildquelle: Fairphone

Globalisierung: Fairphones Weg des Goldes

Bei den Arbeitsverhältnissen in der Produktionskette engagiert sich Fairphone neben der Konfliktfreiheit, vor allem bei den Arbeitszeiten und der Arbeitssicherheit. Dafür wurde schon in der Vergangenheit ein Sozial-Fonds ins Leben gerufen, der die Arbeiter und ihre Familien unterstützt.

Offenheit in der Kommunikation

Dass Fairphone ganz offen damit umgeht, dass nicht alle Metalle in konfliktfreien Minen geschürft werden, gehört zur Unternehmensphilosophie: Fairphone kommuniziert hier ebenso offensiv, wie auch bei der Kostenaufstellung der Smartphones. Offenheit und Transparenz stellen neben dem Einsatz für die Arbeiter und Arbeiterinnen in Afrika und Südamerika die zweite Besonderheit von Fairphone dar.

So schlüsseln die Holländer die Kosten, die im Endeffekt der Kunde zu tragen hat, sehr genau auf. Hier wird deutlich, wie viel Geld in die jeweiligen Kanäle fließt. Das Fairphone 2 kostet insgesamt knapp 530 Euro, wobei ein durchschnittlicher Anteil von knapp 90 Euro als Steuer abgeführt werden muss und allein 230 Euro für die Materialien des Smartphones anfallen. Für den Worker Welfare Fund, der Arbeiterfamilien in der dritten Welt unterstützt, fallen dagegen pro verkauftem Fairphone 2 vergleichsweise geringe 2,31 Euro ab. Bei der aktuell auf der Webseite des Herstellers angegebenen Menge an Smartphones – bisher wurden laut Fairphone genau 14.873 Stück des aktuellen Models verkauft – ergeben sich daraus ein Fund-Zuwachs von gut 34.000 Euro.

Heimliche Helden Fairphone
Bildquelle: Fairphone

Klarheit über die Finanzen: Die Transparenz steht bei Fairphone im Vordergrund

Umweltschutz durch modulare Bauweise und einfache Reparatur

Die dritte Besonderheit des Herstellers ist sein Engagement für den Umweltschutz, das durch das Design des Fairphone 2 und die einfache Versorgung von Ersatzteilen auch für den Endkunden spürbar wird – mit einigen praktischen Vorteilen.

Während es mittlerweile fast schon eine Besonderheit darstellt, bei einem Smartphone den Akku trivial auszutauschen, geht Fairphone den umgekehrten Weg und macht es dem Nutzer möglich, sein Fairphone 2 mit einigen Handgriffen selbst zu reparieren. Dazu gehört, neben dem mit haushaltsüblichen Werkzeug zerlegbaren Smartphone, auch die Versorgung mit Ersatzteilen. Das Display und der Akku sind dabei schon erhältlich. Drei weitere Module sind bereits angekündigt und werden bald in den Verkauf gehen. Die Kosten sind überschaubar: Das Display-Modul kostet aktuell 85,70, der Akku 20,16 und beispielsweise das Kameramodul 34,28 Euro.

Die einfache Reparatur wird auch von den Spezialisten ifixit, die unter anderem auch das Apple iPhone 6s Plus, das LG G4 und das HTC One M9 auf ihre Reparaturfähigkeit getestet haben, bestätigt. Das Fairphone 2 wurde hier mit der maximalen Punktzahl bewertet. Wie einfach das Fairphone 2 zerlegt werden kann, wird hier deutlich:

Heimliche Helden Fairphone
Bildquelle: inside-handy.de

Ohne Übung und Werkzeug ließ sich das aktuelle Smartphone bis auf die Platine strippen. Dann allerdings wird ein kleiner Kreuzschlitz-Schraubenzieher benötigt, der jedoch fast in jedem Haushalt zu finden ist. Damit lassen sich dann die einzelnen Module entfernen und austauschen. Dabei baut Fairphone auf Federkontakte, die die Verbindung der Module mit der Grundeinheit auch ohne den Einsatz von Lötzinn und -kolben herstellen.

Die Reparierbarkeit und auch das Design mit einem integrierten Bumper-Case sollen dazu beitragen, dass das Fairphone 2 bis zu fünf Jahre genutzt werden kann. Damit sollte es die durchschnittliche Lebenszeit eines Smartphones um Längen schlagen. Für die nötige Zukunftssicherheit soll ein potenter Prozessor – Qualcomm Snapdragon 801 - und 2 GB Arbeitsspeicher sorgen. Alle technischen Daten des Fairphone 2 sind in der Datenbank von inside-handy.de hinterlegt.

Marktstand, Erfolg und Praxis

Fairphone positioniert sich als europäischer Hersteller mit offen kommunizierten hohen moralischen Ansprüchen in der Nische einer Nische und setzt dementsprechend wenig Geräte ab. Der aktuelle Absatz des Fairphone 2 befindet sich laut Fairphone bei einer Stückzahl von unter 20.000. Das Fairphone 1 wurde den Angaben Fairphones zufolge ausverkauft, was allerdings auch an den vergleichsweise niedrigen Stückzahlen lag.

Eine Hürde für den Kauf ist augenscheinlich der recht hohe Preis von fast 530 Euro. Ein Preisvergleich mit anderen Herstellern kann vor allem aufgrund des modularen Designs des Fairphone 2 schwer realisiert werden. Dass auch andere Hersteller auf ethische Grundsätze Wert legen, soll hier nicht verschwiegen werden, eine offene Kommunikation der Probleme und des aktuellen Stands der Entwicklung und des eigenen Engagements findet der Nutzer bei ihnen jedoch nicht. Auf Anfrage von inside-handy.de und im Zuge eines Berichts über Kinderarbeit in der Wertstoffkette von Handy-Akkus von Amnesty International konnten sich nicht alle Hersteller zu einer umfangreichen Aussage durchringen.

Quelle: Fairphone

Bildquelle kleines Bild: inside-handy.de | Autor: Michael Büttner
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Themen dieser News: Alternative Hersteller, Oberklasse-Smartphones, Smartphones

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